Archiv · 13.08.–15.10.2022 · Ein Projekt von supermorgenArchiv 2022 · supermorgen

Gespräch · · 59:44

„Zwischen Kunst und Wissenschaft: ANTHROPOS EX oder das Theater des Territoriums“

Mitschnitt · 59:44 · 12 Kapitel

Kapitel 1 von 12Norina Quinte begrüßt Maximilian Grünewald

Maximilian Grünewald

Sprecher:innen

  • Maximilian Grünewald · sprichtAnthropos ExRedeanteil 67 %
  • Norina Quinte · sprichtatoRedeanteil 7 %
  • Stimme aus dem Publikum · sprichtRedeanteil 4 %
  • Weitere Stimme · sprichtRedeanteil 3 %
  • Ton aus dem Video · sprichtRedeanteil 3 %

Kurzfassung

Maximilian Grünewald stellt Anthropos Ex vor, ein Theaterprojekt, das nichtmenschliche Akteure wie Berge, Böden oder Mikroben gemeinsam mit den Wissenschaften auf die Bühne bringen will. Er erzählt von der Forschung auf einem Kubikkilometer im Schweizer Entlebuch, von Workshops mit Hochschulen, vom Scheitern als Teil des Prozesses und vom Neustart in Berlin. Norina Quinte von ato führt ein und fragt nach, danach kommen Fragen aus dem Publikum.

Veranstaltung: Zwischen Kunst und Wissenschaft: ANTHROPOS EX oder das Theater des Territoriums

Transkript

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0:00Norina Quinte begrüßt Maximilian Grünewald

Norina Quinteato

Wir werden Grünewald hier empfangen dürfen im Werkstattpalast. Und Max, eigentlich wärst du mit Mira Hirtz da gewesen, […entfernt…] Das heißt, Max wird das mit uns gemeinsam gestalten, die nächste halbe Stunde ungefähr. Und für mich ist es auch eine ganz schöne Begegnung, da wir ja im Vorfeld auch viel überlegt haben, wie spannen wir denn diese Netzwerke rund um Struktur. Und anfangs dachten wir noch, wir brauchen bestimmt einen Open Call, weil wie sollen wir denn zehn Wochen füllen? Und auf einmal war das so, dass wir aus den eigenen Netzwerken eigentlich genug schöpfen konnten, um dieses Programm zu gestalten.

0:38

Was ganz toll ist, weil Max und ich kennen uns seit zehn Jahren und vor zehn Jahren hätten wir nicht gedacht, dass wir uns den ähnlichen Themen annähern werden. Weil Max ist ursprünglich auch aus dem Schauspielbereich, also Schauspieler und hat sich dann, wie du vielleicht auch noch erzählen wirst oder ich nachher fragen werde, ja nicht distanziert, aber eine andere Umgangsform mit dem Medium Theater gefunden, was sehr spannend ist. Und ich parallel aus der Kunst mich auch in den Bereich Wissensvermittlung oder auch, sagen wir, grenzüberschreitendes Denken oder fachübergreifendes Gestalten bewegt habe. Und jetzt nähern wir uns diesem Thema über das Thema Struktur an. Und ich freue mich total, dass du uns zeigst, woran du und auch Mira gerade arbeitet und dass wir uns danach auch nochmal weiter darüber unterhalten können. Richtig schön, dass du hier bist.

1:31Ein Schauspieler sucht einen neuen Zugang zum Theater

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Vielen Dank. Ich freue mich auch total aus ganz persönlichen Gründen. Norina hat es gerade schon gesagt, ich war hier Schauspieler, auch am Staatstheater in Karlsruhe für zwei Jahre. Das ist jetzt dann, wie ich gerade gemerkt habe, ich kann auch ein bisschen näher reinsprechen. So ist es, glaube ich, besser. Ja, ich brauche es ja gar nicht. Genau, also ich bin eigentlich gelernter Schauspieler, bin jetzt hier, weil Norina hat gesagt, ich einen neuen Zugang zum Theater gefunden habe. Ich würde sagen, ich suche ihn noch und mehr oder weniger möchte ich euch jetzt in der nächsten halben Stunde mitnehmen auf dieser Suche nach einer Theaterform, die auf den ersten Blick erstmal befremdlich wirkt und auf den zweiten Blick vielleicht immer noch und auf den dritten Blick hoffentlich ein paar Gedanken anstoßen wird bei euch, denn bei uns hat es das auf jeden Fall getan. Das Projekt, das ich heute Abend vorstellen möchte, heißt Anthropos Ex und verschreibt sich der Aufgabe, ein Theater zu machen, das nicht nur für Menschen ist und nicht nur von Menschen ist, sondern auch nichtmenschliche Akteure mit auf die Bühne bringt.

2:43

Was das genau bedeutet, darauf werde ich natürlich gleich noch eingehen. Wichtig zu wissen ist auch, dass uns die Suche nach diesem Theater zu einer Auseinandersetzung mit den Wissenschaften gebracht hat und das ist auch einer der Gründe, warum ich heute hier bin, weil wir eben auch nach Verbindungen suchen, wie Kunst, in meinem Fall das Theater, mit den Wissenschaften zusammenarbeiten kann, zu hoffentlich beiderseitigem Nutzen. Aber bevor ich damit anfange, möchte ich auch nochmal sagen, dass Mira Hirtz leider heute nicht hier sein kann. Sie ist noch Team Anthropos Ex, sind aber nicht nur wir zwei, es sind auch noch zwei weitere Künstler dabei. Ein Dramaturg, der beim Theater natürlich nicht fehlen darf und ein Sound Artist und welche Rolle der Sound in unserer Arbeit spielt, darauf werde ich später auch noch genauer eingehen.

3:36

Anthropos Ex, ich habe es gerade schon gesagt, geht also darum, dass wir nichtmenschlichen Akteuren eine Bühne geben. Warum ist das für uns überhaupt wichtig?

3:44Im Stück sollte ein Berg auftreten

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Das Ganze fängt an mit einer kleinen Anekdote, die ich euch gerne erzählen möchte und zwar waren wir in der Schweiz. Wir, das war damals noch der besagte Dramaturg Bela Rothenbühler und ich, an einem Stück gesessen, das wir am Kleintheater Luzern in der freien Szene aufgeführt haben. Da ging es gerade um die Corona-Pandemie, darüber wie dieses Virus unser aller Leben beeinflusst hat. Da ging es um Themen des Klimawandels, es ging wie so oft im Theater um die ganz großen Bögen und die ganz großen Themen. Und wir haben daran gearbeitet und sind dann irgendwann früher oder später an einen Punkt im Skript gekommen, im Stück gekommen, wo drin stand, es tritt ein Berg auf. Und das ist natürlich erstmal, wenn man vor allem in der freien Szene arbeitet und so eine Bühnentiefe hat, die ungefähr so groß ist wie diese hier, erstmal problematisch.

4:35

Wie bekommt man jetzt also einen Berg auf die Bühne? Und weil wir jetzt uns nicht in Ironie flüchten wollten und sagen wollten, das ist jetzt der Tisch, der Berg und die tun uns alle so, als ob es der Berg wäre, haben wir innerhalb dieser Proben tatsächlich versucht, diesen Berg physisch auf diese Bühne zu bekommen. Wohl wissend, dass wir natürlich daran scheitern werden. Allerdings haben wir es versucht mit Tanz, mit Texten über den Berg, mit Musik, teilweise auch mit so einer Lichtinstallation, mit einer Soundinstallation. Wir hatten dann so Nebel auf der Bühne, wo wir einen Berg drauf projiziert haben. Aber ich glaube, am Ende dieses Abends, der dann auch zur Aufführung gekommen ist, da sind wir uns einig gewesen. Und ich glaube, das Publikum erst recht, dass da nicht wirklich ein Berg auf der Bühne gestanden hat. Das heißt, das war erstmal unsere Ausgangssituation. Jetzt könnte man natürlich sagen, einen Berg auf die Bühne zu bringen, ist erstmal eine schöne ästhetische Spielerei, über die man sich im Theater Gedanken machen kann.

5:32

Aber für uns hatte das von Anfang an andere Implikationen, nämlich die Frage, wie bringt man die Geschichten von Entitäten, Erscheinungsformen auf eine Bühne, die nicht menschlich sind. Klar, im Theater steht im Zentrum immer der Mensch und erzählt über seine Geschichten, erzählt über sein Verhältnis zu anderen Menschen. Aber andere Wesen, die unser Leben bestimmen, auf die Bühne zu bekommen, dafür hat das Theater erstmal nicht die Mittel. Und das gilt für den Berg genauso wie für das Coronavirus oder für den Klimawandel oder für Pilze oder Mikroben. All diese Akteure, die unser Leben gerade jetzt in Zeiten des Klimawandels so stark beeinflussen, deren Geschichten können wir im Theater nicht wirklich erzählen.

6:23

Wir können unsere Perspektive darauf erzählen. Wir können erzählen darüber, wie diese Akteure uns Menschen beeinflussen und sind dann aber natürlich am Ende vom Tag trotzdem immer noch mittendrin in der menschlichen Perspektive. Das heißt, unsere Frage war von Anfang an, wie bekommen wir es hin, in einen richtigen Dialog zu treten mit dem, was uns nichtmenschliche Akteure sagen wollen. Was wollen die überhaupt sagen? Wollen die überhaupt mit uns reden? Wie laufen solche Dialoge oder solche, ich würde vielleicht sogar sagen, diplomatische Beziehungen in unserem Leben mit diesen nichtmenschlichen Akteuren ab? Denn, wie gesagt, das Coronavirus hat bewiesen, dass es ein politischer Akteur ist, in dem es beispielsweise den US-Wahlkampf mitbestimmt hat.

7:11

Die Böden, die wir verseucht haben, die bestimmen über unsere Gesundheit mit. Und der Klimawandel, da braucht man ja gar nicht erst anfangen, das wissen wir alle, dass das mittlerweile auch ein sozialer, ein politischer Akteur geworden ist, der die Agenda unserer Politik, unseres sozialen Zusammenlebens maßgeblich mitbestimmt.

7:30Raus aus der Blackbox, hinein ins Territorium

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Das heißt, nach dieser mehr oder weniger fröhlich gescheiterten Theaterinszenierung haben wir uns diese Aufgabe gestellt, ein Kollektiv zu gründen, Anthropos Ex zu gründen, dass das eben zur Hauptaufgabe sich gestellt hat, einen Dialog mit nichtmenschlichen Akteuren zu starten. Die erste Bewegung, die wir deshalb gemacht haben, war, das Theater zu verlassen. Frei nach dem Motto, wenn die nichtmenschlichen Akteure nicht zu uns auf die Bühne wollen, dann müssen wir eben zu denen gehen. Das heißt, wir haben diesen sicheren Raum der Bühne erstmal verlassen. Auf der Bühne gibt man sicher immer die größte Mühe, dass wirklich nur Menschliches vorkommt. Jede Fliege, die über die Bühne fliegt, nervt. Wenn jemand mal eine Inszenierung gesehen hat, in der ein Hund auf der Bühne gewesen ist, der weiß vielleicht, wie sehr die dann nerven können, weil die wieder ihren ganz eigenen Kopf haben.

8:23

Und selbst das Sonnenlicht oder den Wind, die Temperatur von außen, all das wird systematisch ausgeblendet in einem schwarzen Bühnenraum. Nichts umsonst heißt es ja auch Blackbox. Wir haben deswegen diesen Theaterraum verlassen und sind in einer ganz offenen Suche erstmal rausgegangen. Wir waren da zu der Zeit noch in der Schweiz situiert, haben uns erstmal umgeschaut und haben überlegt, wo könnte denn so etwas sein, was wir als eine neue Bühne definieren können. Wir wussten nämlich, dass das nicht nur eine Bühne ist, die sozusagen erstmal ein neutraler Spielort ist und auf dem alles, was wir auf die Bühne bringen, sofort zur Kulisse wird oder zu einem Objekt wird, sondern wir wollen dorthin gehen, wo schon was ist, wo es schon diese Verflechtungen gibt von verschiedensten Akteuren, die ineinandergreifen und so ein Netzwerk bilden.

9:18Ein Kubikkilometer im Entlebuch wird zur Bühne

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Wir haben diese Bühne, diesen Ort, aber auch unsere Protagonisten, mit denen wir dann zusammenarbeiten wollten, gefunden im Entlebuch in der Schweiz. Wer sich da auskennt oder so, weiß das vielleicht. Das ist ein Biosphärenreservat, das in der Nähe von Bern und Luzern liegt. Das ist so eine alpine Landschaft oder voralpine Landschaft, die ganz stark agrarisch geprägt ist und wo es auch schon ganz viel Tourismus gibt, aber eben auch die Berge selbst gibt, das Wetter gibt, mit dem man dort konfrontiert ist. Und wenn man dann in die kleineren Maßstäbe geht, natürlich auch die Mikroben, die Kleinstlebewesen, die Pilze, die alle da schon sind und alle schon irgendetwas machen und darauf warten, dass wir ihre Geschichten erzählen.

10:08

Und vor allem die Geschichten, wie sie mit uns Menschen zusammenleben. Das heißt, wir haben Sack und Pack genommen und sind in ein kleines Bergdorf gegangen, im Entlebuch, Heiligkreuz heißt das, 300 Seelendorf, alter Wallfahrtsort. Und wir haben dort unsere Bühne aufgeschlagen. Dazu muss man sagen, dass wir als eine Bühne erstmal einen Forschungsraum etablieren wollten. Und wir haben den definiert als einen Kubikkilometer. Kubikkilometer heißt, dass es erstmal ein Quadratkilometer ist, den man auf einer Karte sehen kann. Dass der aber in unserer Imagination auch noch 500 Meter in die Höhe geht und 500 Meter in die Tiefe geht. Und diesen Kubikkilometer, den wollten wir untersuchen. Da wollten wir quasi unsere Forschung platzieren. Wir alle haben einen Hintergrund in den darstellenden Künsten.

11:05

Und wir haben relativ schnell gemerkt, dass wir überhaupt keine Ahnung haben, womit wir es da überhaupt zu tun haben. Weil wir uns, wie gesagt, immer mit dem Menschlichen beschäftigen, auch immer mit dem Innenleben von Menschen beschäftigen. Und nie mit der äußeren Welt, also mit der nicht-menschlichen Welt beschäftigt haben. Deshalb ist das Erste, was wir gemacht haben aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis, Naturwissenschaftler:innen einzuladen, uns erstmal überhaupt durch dieses Territorium zu führen und erstmal zu fragen, was gibt es denn da an Wasserkreisläufen, an Biosphäre, an Leben, das dort ist. Aber auch Kulturwissenschaftler:innen zu fragen, wodurch wird denn dieser Kubikkilometer dieses Territorium geprägt? Durch menschliche Akteure, das heißt auch durch Landwirtschaft, durch Religion, durch Tourismus und dergleichen.

11:53

Und mit all diesen Menschen wollten wir ins Gespräch kommen und haben wiederum gemerkt, wenn es darum geht, nicht nur wissenschaftliche Fakten aufzuzählen, sondern Akteure zu beschreiben, im Sinne von Protagonisten eines kommenden Theaters zu beschreiben, müssen wir eine ganz neue Sprache entwickeln, um überhaupt mit denen über dasselbe reden zu können. Und das war im Grunde erstmal die Hauptaufgabe, diese Übersetzungslücke zu schließen, die es gibt, wenn Künstler:innen mit Wissenschaftler:innen zusammenarbeiten. Und diese Übersetzungslücke, sage ich mal, besteht schon allein darin, dass wir natürlich, wenn wir sagen, ein Protagonist, also eine Figur oder ein Begriff, der jetzt aus dem Theater kommt, damit kann ein Naturwissenschaftler naturgemäß erstmal nicht so viel anfangen, weil der oder die ist es gewohnt, diesen Boden oder dieses Forschungsobjekt, jetzt sage ich schon selbst, als Objekt zu beschreiben.

12:50

Das heißt erstmal als etwas Lebloses im Sinne von, das hat keine eigene Geschichte, das hat keine eigene Handlungsfähigkeit. Und was wir versucht haben, in Form von Workshops, in Form von Seminaren, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln und einen gemeinsamen Versuch zu entwickeln, diesen Protagonisten als Protagonisten, das heißt als Hauptfiguren der Geschichten, die wir erzählen wollen, eine Stimme zu geben. Für diese Aufgabe haben wir zusammengearbeitet mit der ETH Zürich und mit der ZHdK in Zürich, das heißt da schon mit einer Kunsthochschule und mit einer eher sozialwissenschaftlich beziehungsweise vor allem naturwissenschaftlich ausgerichteten Universität. Und mit denen sind wir durch diesen Kubikkilometer gelaufen und haben uns erstmal umgeschaut und überlegt, was passiert, wenn wir diese gedankliche Transferleistung allesamt machen, dass wir uns nicht in der Natur bewegen, sondern auf einer Bühne.

13:50

Und wenn wir das, was wir sehen, nicht beschreiben als Objekte oder Forschungsgegenstände, sondern als Protagonisten und Ideengeber, Geschichten unserer Erzählung, unseres Theaters. Natürlich ging es da auch von Anfang an darum, nicht nur quasi für uns das zu erforschen, sondern, und das ist natürlich im Theater ein ganz, ganz wichtiger anderer Moment, eine Aufführung davon machen zu können. Das heißt, der Frage nachzugehen, wie können wir das, was wir da erforschen, auch noch vermitteln und an ein Publikum weitergeben. Und was bedeutet das dann überhaupt, wenn man ein Publikum einlädt und in diese Prozesse mit einlädt.

14:31

Aus dieser ganzen Zeit, das ist jetzt ungefähr ein Jahr, dass wir daran geforscht haben, haben wir einiges an Dokumentation erstellt, was ich euch jetzt in kleinen Schlaglichtern gerne per Video mal zeigen möchte.

14:49Ein Stück Territorium reist im Aquarium nach Berlin

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Den ersten Part, den Haram gleich anschalten wird, der stammt noch aus der Frühphase unseres Projekts, wo wir als Künstler und Künstlerin, Mira und ich auf der Bühne, versucht haben, diesen Kubikkilometer zum Sprechen zu bringen. Ganz einfach, indem wir ihn auf eine Bühne stellen. Das haben wir gemacht im Rahmen eines Festivals, das in Berlin stattgefunden hat. Und zu diesem Zweck haben wir einen kleinen Teil dieses Kubikkilometers in der Schweiz in ein kleines Aquarium gepackt und haben ihn von der Schweiz mit dem ICE bis nach Berlin gefahren. Und das ist der erste Part vom Video.

Ton aus dem Video

15:49

Ich möchte euch eine Szene aus dem sehr edgy, spektakulär, innovativen, theatralen Konzept. Das wir nennen, actant-theater. Der Problem ist, however, dass non-human actors haben ein huge impact auf unsere humanen Leben. Sie sind politiker. Sie entscheiden, was wir spenden unsere Geld an. Sie entscheiden, wie wir denken, sprechen, fühlen, leben oder sterben. So es ist unsere conviction, dass wir endlich starten mit non-human actors auf dem stage. Der

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

16:38

Kollege, den ihr da, ich glaube das Mikro ist das, jetzt ist es wieder an. Der Kollege, den ihr zuletzt gesehen habt, das war besagter Dramaturg, das war Bela, der auch noch so nett gewesen ist, den Erdinand, so haben wir ihn getauft, nicht nur von Entlebuch nach Berlin zu bringen, sondern auch wieder von Berlin zurück ins Entlebuch zu bringen und ihn wieder dorthin zu bringen, wo er gehört. Denn wie man unschwer und auch ein bisschen ostentativ gesehen hat, wenn zwei Menschen mit einem nichtmenschlichen Akteur auf der Bühne sind, ist das eine nicht so erträgliche Szene.

17:33

Die Frage ist, warum ist das so? Natürlich ist Erdinand erstmal aus seinem natürlichen Umfeld herausgerissen, das heißt, er findet überhaupt nicht mehr statt in den Zusammenhängen, in den Netzwerkstrukturen, in denen dieser Erdinand oder man könnte jetzt in dem Fall auch sagen, diese Vielzahl von Erdinanden, die in diesem kleinen Aquarium gewesen sind, diese Netzwerke, von denen das ein Teil ist, die konnten wir natürlich nicht mit auf die Bühne nehmen und die konnten wir natürlich nicht mitbringen. Und wir konnten natürlich auch jetzt nur aus einer Bühnensituation heraus den Kollegen Erdinand nicht zum Sprechen bringen. Deswegen haben wir, ich habe das gerade schon gemeint, mit Studierenden von verschiedenen Hochschulen eine Reihe gemacht, eine Workshop- und Seminarreihe, die sich genau dieser Frage gestellt hat, wie wir nicht nur diesen kleinen Ausschnitt, sondern diesen ganzen Kubikkilometer zum Sprechen bringen.

18:31Das Abstecken des Kubikkilometers scheitert

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Der nächste Part, den ich euch gerne zeigen möchte, zeigt, was das für Schwierigkeiten bedeutet, wenn Theaterleute den Bühnenraum verlassen und in die Landschaft gehen. Denn erstmal ist natürlich die Behauptung, dass wir einen Kubikkilometer haben, erstmal recht leicht aufgestellt. Aber den erfahrbar, begehbar und erforschbar zu machen, das ist eine ganz andere Sache. Wir haben dann nämlich erstmal versucht, diesen Ort zu markieren, zu sagen, wo fängt er an und wo hört er auf. Und deswegen haben wir uns mit einem Kanister Kleintierstreu auf den Weg gemacht und haben versucht, diesen Kubikkilometer zu markieren.

19:10

Das ist hier.

Ton aus dem Video

19:40

Ich bin bei Kameras auf dich. Wunderschöner Tanz, auch sehr schöne Choreologie. Okay. Dann wird gestreut, oder? Okay. Okay. Okay. Okay. Okay.

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

20:25

Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Wie wahrscheinlich unschwer zu erkennen ist, ist das Scheitern ein großer Teil unseres Prozesses. Die vier Ecken dieses Quadratkilometers, die wir abstecken sollten, von denen haben wir einen geschafft.

22:23

Das andere habt ihr gesehen, dass so ein Pfeil abgesteckt worden ist. Das wäre der zweite gewesen, der war aber in der Felswand, da sind wir nicht hingekommen. Der andere war in einem Naturschutzgebiet, in das wir gar nicht gehen durften. Und den vierten, da hatten wir dann schon aufgegeben. Die wirklich Erkenntnis, die wir daraus gewonnen haben, ist eigentlich, dass die Geste wesentlich leichter ist als die tatsächliche Forschung. Und das begleitet uns eigentlich seither. Das heißt, diese Größe von einem Kubikkilometer ist einfach nicht nur so erschlagend, wenn man es als Akteur auf einmal gegenüber hat, als Bühne definiert hat. Dann merkt man erstmal, was einem da überhaupt entgegenkommt, rein physisch. Aber auch die Summe der Geschichten, die da drin sind, die Summe von Akteuren, die damit verbunden sind, ist so unübersichtlich, dass es wahrscheinlich Jahre dauern würde, um sich dort einen groben Überblick zu verschaffen.

23:19

Weil natürlich geht es nicht nur um den Tourismusverband, den Bauernverband, sondern es geht um Besitzverhältnisse. Und da sind wir jetzt erstmal auf der menschlichen Ebene, die komplett divers sind. Das heißt, der eine Baum gehört dem Bauern und der zweite Baum gehört dem Land und der dritte dem Kanton. Und da erstmal überhaupt durchzublicken, war erstmal eine Aufgabe, die uns komplett überfordert hat. Das heißt, die grundlegende Erkenntnis ist erstmal gewesen, dass es wesentlich schwieriger ist, als wir uns das erstmal so vorgestellt haben. Und deswegen haben wir auch gesagt, das Ganze muss ein längerer Prozess sein und nichts, was jetzt innerhalb von mehreren Wochen oder so. Entstehen kann. Was wir aber auf jeden Fall auch gemerkt haben, ist die Fülle von Geschichten, die sich an diesem Ort ereignet und die intensive Vernetzung von Akteuren, die an diesem Ort aktiv sind.

24:13

Und das sind immer Akteure, die menschlich und nichtmenschlich sind, was dann natürlich auch unsere Vorstellung von einer Postkartenidylle und einer unberührten Natur in den Schweizer Alpen ordentlich auf den Kopf gestellt hat. Denn natürlich ist es eine Kulturlandschaft dieser Kubikkilometer, natürlich ist jeder Zentimeter bereits fünfmal beackert worden, die Besitzverhältnisse haben sich 50 Mal verändert, alles ist bereits aufgeteilt. Und das, was wir als Natur wahrnehmen, ist tatsächlich ein komplexes Gebilde von Kultur. Und zwar nicht nur, wie gesagt, wenn man am Reißbrett darauf schaut, sondern auch wenn man sich die Bäume anschaut, wenn man sich die Bodenbeschaffenheit anschaut, wenn man sich die Flora und Fauna allgemein anschaut. Nichts passiert dort ohne den Einfluss von Menschen. Der dritte Part dieses Videos, der beschäftigt sich jetzt mit einem kurzen Einblick in die Workshops selber, die wir dort gegeben haben.

25:10

Und eben auch in den Versuch, das in eine Performance zu überführen, in eine Art von Präsentation zu überführen, was wir dort gesehen, gelernt und erkannt haben.

25:21Workshops mit Kunst und Naturwissenschaften

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Wir haben viele verschiedene Disziplinen gehabt, die dabei mitgearbeitet haben. Mit der HfG Karlsruhe hatten wir eine Kooperation, die sich die Frage gestellt hat, wie würde denn ein Bühnenbild aussehen, wenn wir in den Begriffen des Theaters bleiben. Wie würde ein Bühnenbild sein, wie würden wir das definieren, das in diesem Territorium steht. Bringen wir das mit, ist das vielleicht schon da, wie geht man dann damit um. Wir hatten allerdings auch bildende Künstler:innen, Musiker:innen dabei, wir hatten eine Tänzerin dabei. Wir hatten also viele verschiedene Bereiche und bei den naturwissenschaftlichen Disziplinen sah es ähnlich aus. Das heißt, auch da hatten wir von Geografie, Geologie, Biologie, Umweltwissenschaften verschiedenste Perspektiven auf dieses Territorium, die alle gemeinsam versucht haben, die Akteure zu beschreiben erstmal. Es geht noch gar nicht unbedingt darum, deren Geschichten zu erzählen, sondern erstmal zu schauen, was sind dort überhaupt für Akteure.

26:19

Das Ganze haben wir dann in der Schür, das ist ein Gebäude, das auch noch Teil dieses Kubikkilometers ist, eine alte Scheune, zur Aufführung gebracht. Und da wird es jetzt ein paar Impressionen daraus geben. Ich sage es gleich zu Anfang, wir hatten auch eine Jodlerin.

27:43

Das letzte Bild, das ihr da gerade noch gesehen habt, das war dieses Tal, dieser kleine Bach, der dort unten gewesen ist. Das war ein Ergebnis eines Workshops, den wir auch gemacht haben, über den ich jetzt gerne kurz erzählen möchte.

28:02Mikrofone im Boden machen Leben hörbar

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Und zwar haben wir das gemacht mit dem Bioakustiker Marcus Maeder. Das ist ein Künstler und Wissenschaftler, der genau an diesem Grenzbereich von Kunst und Wissenschaft schon seit Jahren arbeitet und versucht, das Bodenmonitoring, das heißt die akustische Vermessung eines Territoriums, auch künstlerisch zu verwerten. Das heißt, es gibt ein wissenschaftliches Interesse, das er mit seiner Arbeit abdeckt, nämlich zum Beispiel einen bestimmten Boden zu erkunden und zu schauen, was für Tiere leben da drin. Das kann man an den Geräuschen, die Kleinstlebewesen machen, nachvollziehen. Das heißt, man muss jetzt nicht, wenn man wissen möchte, wie viele Tiere in diesem Boden sind, eine Probe nehmen und die alle töten, die Tiere, damit man die dann zählen kann, sondern man kann ein Mikrofon reinstecken und von dem akustischen Output dieses Bodens abschätzen und relativ valide wohl auch, wie es da um die Biodiversität in diesem Boden bestellt ist. Diese Daten, die er damit sammelt, verwendet er aber auch dafür, um Soundinstallationen zu machen.

29:10

Und mit diesem Künstler-Wissenschaftler Marcus Maeder haben wir einen Workshop gemacht, der sich mit der Sound-Ebene dieses Projekts auseinandersetzt. Das heißt mit der Frage, wie kann man das Nichtmenschliche, nachdem wir die ganze Zeit suchen, auch akustisch abbilden? Und wie kann man Kooperationen anstellen zwischen Menschen und diesen Lebewesen oder diesen akustischen Phänomenen, die wir in diesem Territorium gefunden haben? Wie kann das zusammenarbeiten mit einem künstlerischen Ansatz? Und wir haben dafür eine Reihe von fünf Musikerinnen und Musikern ins Entlebuch eingeladen und die haben dann quasi remote, das heißt, nachdem sie die Daten gesammelt haben, zu Hause an Tracks gearbeitet und das auch präsentiert als Soundtrack unseres Theaters.

30:03

Das letzte, was ihr gesehen habt, war ein Foto vom Moorchor. Der Moorchor hatte die tolle Idee, die Aufnahmen, die entstanden sind, von einem kleinen Bach parallel abzuspielen zu den Geräuschen, die dieser Bach ohnehin macht. Das heißt, es war eine Soundinstallation, die nicht in einem Theaterraum, Museum oder sonst wo stattgefunden hat, sondern vor Ort und quasi die Sounds an dem Ort bereichert hat, um Sounds, die sie von außen mitgebracht haben.

30:31Ein Soundtrack des Entlebuchs

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Das war das letzte Bild. Ich möchte euch jetzt gerne einen Track vorspielen, der dauert ungefähr sieben Minuten. Den hat ein Kollege von mir gemacht, der ist eigentlich auch Schauspieler, aber hat auch schon seit Jahren eine Liebe zur Theatermusik und arbeitet auch viel als Theatermusiker. Sven Daniel Bühler, der war auch hier am Staatstheater Karlsruhe für mehrere Jahre engagiert und der hat einen Soundtrack gemacht, den ich euch jetzt gerne vorspielen würde. Bevor es losgeht, Norina, ich habe vorhin ein paar Fotos dir gegeben, ich weiß nicht, ob du weißt, wo die sind. Ich glaube, während der sieben Minuten, die wir jetzt zuhören können, würde ich gerne diese Fotos mal rumgehen lassen. Ein paar Bilder kennt ihr dann wahrscheinlich schon aus dem Video, ein paar sind vielleicht neu, einfach noch ein bisschen als optischer Eindruck von dem, was da passiert ist.

31:17

Und jetzt vielen Dank in Abwesenheit an Sven Daniel Bühler, dass wir seinen Track abspielen dürfen. Viel Spaß.

36:42

Was man vielleicht raushören konnte, war, dass teilweise Mikrofone zum Einsatz gekommen sind, vielleicht konnte man es auch nicht raushören, deswegen sage ich es jetzt einfach, dass Mikrofone zum Einsatz gekommen sind, die teilweise aus Bäumen heraus Daten übertragen haben, das heißt, den Wasserstrom aus Bäumen übersetzt haben im Sound. Das heißt, es ist eigentlich eine Vielzahl von Mikrofonen zum Einsatz gekommen, was auch recht schön zeigt, wie groß die Bandbreite ist an, ja, auch Größenordnungen, mit denen man sich vor Ort auseinandersetzen kann. In der Kleinstebene innerhalb der Zellen eines Baumes bis hin zu dem, was man auch hört, wenn man keine Mikrofone hat, nämlich dieses Glockengeläut, das wirklich omnipräsent ist an diesem Ort.

37:29

Das nur als kurzer Einblick darüber, was wir unter einem Soundtrack dieses Entlebuchs verstanden haben, also zumindest ein Vorschlag dazu, wie das klingen kann und auch, wie gesagt, eher einen künstlerischen Zugriff darauf zeigt, weniger einen wissenschaftlichen, aber eben auch mit wissenschaftlichen Methoden kooperiert.

37:53Neustart in Berlin mit einem Kubikdekameter

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Soviel zu unserer Exkursion ins Entlebuch. Wir haben uns, ich habe es bereits gesagt, das Scheitern ist inbegriffen in unserem Projekt. Ich will es gar nicht als Scheitern bezeichnen, aber als Umorientierung. Wir haben mittlerweile die Schweiz verlassen aus logistischen Gründen, weil wir dann einfach gemerkt haben, wenn wir ein Theater des Territoriums machen wollen, dann ist es schwierig, wenn man nur mit dem Postbus hinkommt und der Postbus sechs Leute umfasst und der zweimal am Tag fährt. Das ist dann nicht sehr publikumsfreundlich. Deswegen sind wir inzwischen nach Berlin umgezogen und noch eine weitere Neuerung hat es gegeben in unserem Konzept.

38:31

Und zwar haben wir den Kubikkilometer kräftig eingedampft und sind mittlerweile bei einem Kubikdekameter gelandet. Das heißt, wir beschäftigen uns in Zukunft mit einem Territorium, das 10 mal 10 mal 10 Meter umfasst und damit wieder einer herkömmlichen Theaterbühne ein Stück näher kommt. Unser derzeitiges Konzept sieht es vor, innerhalb von einem halben Jahr sechs Workshops zu realisieren, die allesamt transdisziplinär angelegt sind. Da gibt es verschiedenste Ideen, wie zum Beispiel eine Tänzerin, die sich vielleicht mit den Feedback-Loops innerhalb des Territoriums auseinandersetzt und dafür eine Verkörperungspraxis findet.

39:15

Oder ein Pilzforscher, der dazu forscht, wie Rückstände von Bodenverunreinigungen, die aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, abbaut. Das heißt, auch da interessieren uns die Geschichten, die nicht nur quer verlaufen zu Kunst und Wissenschaft, sondern auch quer verlaufen zu den wissenschaftlichen Disziplinen selbst. Das heißt, Fragestellungen, wo sich auf einmal vielleicht ein Pilzforscher mit einer Historikerin austauscht oder eben ein Mikrobiologe auch mit einer Atmosphärenforscherin, weil wir eben daran interessiert sind, nicht die einzelnen Forschungsobjekte reduktionistisch zu beurteilen und anzuschauen, das heißt, von ihrem Kontext zu befreien, sondern schauen wollen, in welche Kontexte sind sie eingebunden und wie weit macht es dann überhaupt noch einen Sinn, wenn man diese Kontexte anschaut, zu unterscheiden zwischen Kultur, Natur oder Kunst.

40:15

Das ist erstmal der Vortrag, beziehungsweise der Part, den ich euch jetzt so frontal gerne mitgeben wollte, als kleines Impulsreferat. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn wir jetzt miteinander ins Gespräch kommen, weil das erstens für mich wahnsinnig interessant ist, verschiedene Meinungen von euch zu hören, aber auch, glaube ich, für euch interessanter ist, wenn ihr mir nicht die ganze Zeit zuhören müsst. Worüber wir gerade nachdenken und viel sprechen sind, auf der einen Seite, was für Narrative wollen wir überhaupt im Theater haben. Wir wissen ja, dass im Theater häufig das tragische Ende im Mittelpunkt steht.

40:53

Das heißt, dass in herkömmlichen Dramaturgien ganz oft am Ende gesagt wird, was alles nicht geht und wie die Katastrophe stattfindet, um irgendeinen Moment von Katharsis zu haben. Wir sind der Meinung, wir sind da längst. Wir haben die Informationen und wir haben das Wissen aus dem Klimawandel und wir wissen, wo wir stehen. Deswegen interessieren wir uns für Narrative, die vorwärtsgewandt sind, optimistisch sind, aktiv sind und versuchen, spezifische Zukunfte zu imaginieren, in denen wir konstruktive Vorschläge bringen können. Was uns genauso interessiert, ist die Abgrenzung zwischen Aktivismus und Kunst. Das heißt, haben wir jetzt vielleicht den Impetus zu sagen, wir wollen die Welt besser machen.

41:43

Das würde ich sagen, ist nicht unbedingt Aufgabe der Kunst, sondern eher einen Möglichkeitsraum zu schaffen, eine ästhetische Aufgabe uns zu stellen, wo es einen Raum gibt, wo wir mit der nichtmenschlichen Welt eben ins Gespräch kommen können. Und um das zu tun, erst mal mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich mit dieser nichtmenschlichen Welt nämlich auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzen. Das sind alles Fragen, die wir im Moment, die uns beschäftigen und wo wir absolut noch weit ins Detail gehen könnten, was jetzt aber den Rahmen dieses Vortrags sprengen würde. Deswegen danke ich erst mal sehr, sehr herzlich für die Aufmerksamkeit. Danke noch mal dem WERKstattPALAST, dass ich hier heute sprechen durfte. Ich bin die nächsten zwei Tage auch noch da für die Leute, die gerne noch mehr Input zu dem Thema haben wollen.

42:30

Morgen wird es eine Performance geben, wo wir ausprobieren wollen, wie man das tatsächlich auch, was wir jetzt gerade besprochen haben, in eine performative Praxis überführen kann. Und übermorgen wird es noch einen Talk geben, auch wieder an diesem Ort, wo wir uns auch mit den strukturellen Voraussetzungen auseinandersetzen wollen, die eine Kunst- und Wissenschaftskooperation produktiv machen können. Vielen Dank.

43:00

Ich weiß nicht, wie wir uns das Format jetzt wünschen. Ich kann hier noch ein bisschen bleiben, ich kann mich zu euch setzen. Ich weiß nicht, wie ihr es handhabt oder wie ihr das wollt. Vielleicht gibt es auch überhaupt keine Fragen, kann ja auch sein. Ich würde einfach mal zur Sicherheit noch kurz hier oben bleiben.

43:16Gespräch und Fragen aus dem Publikum

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

Schön, es scheint Fragen zu geben. Dann bleibe ich einfach mal hier noch und komme ein bisschen näher.

Norina Quinteato

43:24

Okay, ich fange einfach mit der ersten an. Und zwar, ich habe so viele, aber wir haben ja Zeit. Am Samstag gibt es auch ein Dialogformat nochmal mit dir. Da können wir das bestimmt nochmal tiefer gehen, diskutieren. Die erste Frage, die ich hätte, wenn du sagst, es geht um das Schaffen, was ich ganz toll finde, um auch einen positiven Impuls, letzten Endes nicht nur die Katharsis, die haben wir ja schon, sondern eine Zukunftsvision für neue Strukturen zu schaffen. Und die Personen, die mitgemacht haben, bei eurem Projekt in der Schweiz zum Beispiel, sind ja sicherlich Leute, die auch schon ein eigenes Interesse daran haben, fachübergreifend zu arbeiten. Also bewegt man sich, das kenne ich selbst auch aus der Arbeit, die wir haben, schnell wieder in der Blase, weil man ja Interesse weckt bei denen, die schon eine Sensibilisierung erfahren haben. Und wie ist das, wenn man jetzt denkt, ihr schafft das Theater neu, jetzt mal groß, konzeptuell, Theater raus aus der Blackbox, ähnlich wie wir, raus aus dem White Cube in der Kunst oder so, oder raus aus den Institutionsbauten.

44:24

Wie ist das denn von der Theaterwelt rezipiert? Ist das da angekommen und aufgenommen worden, was ihr tut und gibt es da eher eine Kritik oder eigentlich auch vielleicht ein Neid, weil ihr so frei seid oder so? Wie fasst das denn das Theater auf, dass ihr ja irgendwo auch neu, ja, die Karten neu mischen wollt? Räumlich zumindest.

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

44:43

Also so wahnsinnig viel aufgefasst worden sind wir leider bisher noch nicht.

44:49

Interessanterweise, ich muss immer ein bisschen aufpassen, weil ich mit den Stadttheaterstrukturen selbst aus biografischen Gründen auch ein bisschen auf Kriegsfuß stehe. Interessanterweise haben sich von ETH-Professoren über, ein Punkt, den ich sträflich vernachlässigt habe, auch über Jäger und über Forstarbeiter und über Locals, die an dem Ort leben, haben sich alle sehr offen gezeigt für das Konzept und sehr interessiert. Die einzigen, von denen ich keine Nachricht mehr bekommen habe, waren die Dramaturgen und Dramaturginnen von Theatern, denen ich geschrieben habe und von dem Projekt erzählt habe. Was ich sehr interessant finde, aber ich glaube, da steht eher im Mittelpunkt das Ding von da fragt ein Schauspieler an und normalerweise fragen die immer nur, wenn sie einen Job haben wollen.

45:40

Deswegen bin ich gespannt, was da noch der Input sein wird. Meine Erfahrung ist, dass es einen großen Bedarf gibt, diese Themen in den Theaterdiskurs mit reinzubekommen. Es gibt das Gefühl dafür, dass es eine große Notwendigkeit dafür gibt. Einfach was die Relevanz von Theater angeht, sich mit diesem Klima-Theater auseinanderzusetzen. Und wie ich es eben gemeint habe, es gibt ein ganz großes Loch von Mitteln, die man dafür bräuchte, das auf die Bühne zu bringen. Weil im Endeffekt sprechen Menschen über Menschen. Und sobald man sich dann einen Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin ins Theater einlädt, spricht die Wissenschaft. Das heißt, es kann zwar in einem Theaterraum sein, wo dann die Wissenschaftlerin auf der Bühne steht, aber im Endeffekt findet dann kein Theater mehr statt, sondern es findet Wissenschaft statt.

46:32

Deswegen gibt es da diese große, könnte man jetzt groß formulieren, erkenntnistheoretische Lücke zwischen objektivierenden und subjektivierenden Ansätzen. Und das Interesse ist erstmal da, tatsächlich ist es dann häufig die Frage, wie wird denn das aussehen und da kommt man dann wieder in die stark produktorientierte Auffassung am Theater und weniger in die prozessorientierte Auffassung am Theater. Also auch da strukturelle Schwierigkeiten, die da eher im Weg stehen als inhaltliche.

Stimme aus dem Publikum

47:14

Ich habe auch total viele Fragen, ich weiß jetzt gar nicht, wo ich anfangen soll. Soll ich die alle hintereinander mal stellen oder ist es besser, dass... Okay, also meine erste Frage war, warum dieser Ort, also wie seid ihr auf diesen Ort gekommen? Gibt es eine persönliche Verbindung?

47:38

Oder du meintest ja, dass es da in dieser alpinen Region halt sehr viele unterschiedliche vegetative Situationen oder Orte gibt. Also vielleicht war das ja auch ausschlaggebend. Meine zweite Frage war auch so eine Publikumsfrage. Also ist es ja auch interessant, dass ihr quasi vom städtischen Raum, wo meistens ja die Theater auch vorhanden sind, also klar auch im ländlichen, aber weniger, wie das 300-Seelen-Dorf das eigentlich aufgefasst hat, dass ihr da wart.

48:14

Genau, jetzt lassen wir es erstmal bei den zwei Fragen.

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

48:18

Ja, danke dir. Ich glaube, dass wir diesen Ort rausgesucht haben, hat erstmal daran gelegen, was ich vorhin schon habe anklingen lassen, dass man dort wirklich bilderbuchmäßig die Verschränkung von Kultur und Natur nachvollziehen kann. Das heißt, man ist in einer vermeintlichen Natur, so wie wir auch konditioniert sind durch so eine Vorstellung von einer Landschaftsmalerei aus dem 19. Jahrhundert. So ist unser Bild von Natur, da ist ein bisschen Wald, da ist ein bisschen Wiese, da ist ein bisschen Bauernhof. Dass das aber einer ganz klaren Logik von Ausbeutung und Extraktionismus unterliegt, das blenden wir ganz oft aus. Und das sind alles Themen, die uns auch an dieser alpinen Landschaft interessiert haben, diese Bruchlinien nachzuvollziehen. Wo ist Natur und wo ist Kultur und können wir das vielleicht auch durch unseren Ansatz nachweisen, dass das obsolet ist, diese Frage überhaupt zu stellen.

49:13

Das heißt, zur ersten Frage, warum sind wir dort gewesen, sind es diese Bruchlinien zwischen Kultur und Natur gewesen. Die Menschen, wo wir das gemacht haben, die haben das nach einer anfänglichen Skepsis wunderbar aufgenommen, ab dem Moment, wo wir sie involvieren konnten. Das heißt, involvieren konnten, indem sie sie zu den Veranstaltungen eingeladen haben, aber auch indem wir ihr Wissen abgefragt haben. Und das ist, glaube ich, ein ganz großer Vorteil an der Methode, dass es einer Hierarchisierung von Wissen eine Absage erteilt. In dem Moment, wo wir eine Geschichte erforschen, wo wir einen Protagonisten erforschen, ist die Perspektive eines Naturwissenschaftlers genauso viel wert wie die einer Künstlerin oder wie die eines Waldarbeiters, weil da einfach die Geschichte und nicht ein objektivierbares Endergebnis im Mittelpunkt stehen.

50:08

Das heißt, in dem Moment, wo wir auch die Wissensbestände aus der Tradition und aus der Erfahrung einfach mit anzapfen konnten, beziehungsweise auch die wertgeschätzt haben, waren die total auf unserer Seite, weil sie sich total ernst genommen gefühlt haben in dem ganzen Projekt. Im Prinzip zur Ortswahl kann man sagen, Teil des Ansatzes ist, dass das ein Ort sein kann, der überall auf diesem Planeten ist. Überall, von einem Parkplatz über den Dschungel, über ein Weltmeer, über diesen Ort, kann man diese Überschneidungen von Kultur und Natur wahrnehmen, kann man vom Mikrokosmos auf den Makrokosmos schließen, kann quasi spezifische Geschichten von einem Ort nehmen und zu schauen, wie verstricken die sich auch über diesen Ort hinaus. Das heißt, im Idealfall ist die Wahl des Ortes eigentlich gar nicht so wichtig.

Stimme aus dem Publikum

51:13

Hallo, erstmal, ich finde das Konzept sehr spannend, die Umwelt zum Protagonisten zu machen, aber ich werde den Gedanken nicht los, dass es ziemlich anmaßend ist, zu glauben, dass man diese Geschichte überhaupt, die erzählt werden will, erzählen kann. Oder als ob man das irgendwie greifen kann oder für Menschen begreiflich machen, das ist ja schon die nächste Stufe dann. Und das war irgendwie doch euer Ansatz, dass ihr das für Menschen begreiflich machen wollt.

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

51:44

Naja, natürlich ist man immer, also begreiflich machen lässt sich, finde ich, über Geschichten sehr viel und auch sehr viel zugänglicher, als wenn Wissen in abgeschlossenen Räumen produziert wird. Deswegen würde ich quasi die Frage, wie entsteht Wissen über einen Ort, wie entsteht Wissen über Zusammenhänge, die würde ich quasi fast zurückgeben und fragen, ob wir dafür eine bessere Möglichkeit haben im Moment sozusagen. Der andere Punkt, der mit anklingt, ist natürlich auch der, dass es ja immer noch eine menschliche Perspektive ist und auch immer noch eine sehr selektive Auswahl von Geschichten dann sein muss, zwangsläufig, wo ich entgegnen würde, dass das ja auch das ist, was wir im Moment die ganze Zeit machen.

52:29

Und wir alle erzählen uns permanent Geschichten über unsere Umwelt. Wir erzählen uns Geschichten über Ressourcen, über Objekte, über Verfügbarkeit und im Endeffekt geht es gar nicht darum, eine neue Wahrheit irgendwie zu beschreiben oder etwas zu beschreiben, was noch nicht beschrieben wurde, sondern etwas anders zu beschreiben, was noch nicht so beschrieben worden ist. Und da ist ein ganz maßgeblicher Punkt, dass wir sehr, sehr häufig anthropozentrisch beschreiben, das heißt unseren Subjektstatus als Mensch in den Mittelpunkt stellen und quasi in Abhängigkeit von uns unsere Umwelt, Mitwelt auf ihre Verfügbarkeit, auf ihre Nutzbarmachung interpretieren und eben nicht in Form von Geschichten, die vielleicht noch andere Protagonisten erlauben außer dem menschlichen.

53:19

Das heißt, es geht gar nicht zwangsläufig darum, wie gesagt, etwas Neues zu beschreiben, sondern neue Narrative zu entwickeln in der Art und Weise, wie wir etwas beschreiben und wie wir uns in diesem Netzwerk, in dieser Beschreibung positionieren.

53:37

Ich hoffe, das beantwortet die Frage ungefähr.

Stimme aus dem Publikum

53:42

Ich hätte auch noch eine Frage. Und zwar habt ihr jetzt über diesen Naturraum, über diesen Kulturraum dieses Projekt gemacht? Hattet ihr auch schon mal andere Projekte mit anderen Räumen? Speziell gefragt auf unsere gebaute Umwelt, die ja noch mehr dieses Weltbild auch darstellt, dass wir uns die Natur so bauen, wie wir sie für unser Leben zu brauchen scheinen. Weil diese Sensibilisierung, die du beschrieben hast für das Thema als solches und den Transport von Expertenwissen, also dass jeder auch Experte für das eigene Wissen und für die eigene Lebewelt ist, finde ich unglaublich spannend als so ein Nukleus für Transformation. Und da wollte ich einfach mal wissen, welche Räume habt ihr da im Blick, die ihr aufnehmen wollt in eurer Arbeit?

Maximilian GrünewaldAnthropos Ex

54:36

Ich würde das mal aus der Beschreibung von ganz am Anfang begründen, dass wir erstmal eine ganz intuitive Bewegung hatten, rauszugehen, wie ich es gemeint habe, dieses Theatergebäude zu verlassen. Das ist dann erstmal die erste Bewegung, natürlich auch physisch rauszugehen aus dem Gebäude. Wir hatten aber zum Beispiel auch auf diesem Kubikkilometer Architektur stehen. Wir haben die Schür gesehen, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, da war dann noch so ein ganz gruseliges Schwesternheim, das aus den 70er Jahren dahingestellt worden ist, […entfernt…] Das war so ein Betonbunker mit so kleinen Nonnenzellen für die Leute, die da Waldfahrt gemacht haben. […entfernt…] aber es hat irgendwie so eine Art von Aura gehabt, wo man gedacht hat, wow, das ist ja eine Zeitkapsel. Und da zählt ja nochmal einen ganz eigenen Kontext mit. Und insofern, ja, ist Architektur auf jeden Fall auch ein Bestandteil, insofern, als dass es Bestandteil von dem Territorium ist.

55:34

Und dass dann quasi dieser Akteur, der dann damit auch dazukommt, auch als solcher wahrgenommen und ernst genommen wird. Eine Unterscheidung, die wir nicht machen würden, ist zwischen drinnen sein und draußen sein. Also wir sind jetzt nicht im Gebäude und dann in der Landschaft oder so, im Sinne von wir gehen rein und wir gehen raus. Wir nehmen sicherlich wahr, dass es da eine Schwelle gibt, die physisch-körperlich wahrnehmbar ist, die man auch als solche beschreiben kann. Wir würden es jetzt aber nicht trennen quasi als hier ist der Innenraum, hier ist der Außenraum.

56:10

So ungefähr.

Weitere Stimme

56:12

Und vielleicht nur als kleiner Nachtrag, diese Beschreibung von dir, dass ihr erlebt, dass ganz viel Lust mitzumachen da ist, zu partizipieren, irgendwie dieses Wissen verfügbar zu machen, wenn man mit den Leuten auf Augenhöhe darüber spricht und sie auch abholt, wo sie sich befinden in diesem Wissenskreis. Das ist etwas, was ich in ganz vielen anderen Projekten auch immer wieder so erlebe und was man, glaube ich, immer wieder wiederholen muss, um diese großen Prozesse, vor denen wir stehen, auch irgendwo anzuschieben, weil es oftmals ja heißt, wie kriegen wir die Leute denn dafür begeistert, indem man sie einbezieht.

56:55

Und ich glaube, um das einfach nur nochmal zu unterstreichen, dass das Theater dafür ein wahnsinnig tolles Instrument ist, weil es ein erfahrungsbasierter Ort ist und es ist auch in guter deutscher Erfahrung, Theatertradition, dass quasi Philosophie auf eine Bühne gebracht wird und anhand von konkreten Konstellationen wahrnehmbar gemacht wird. Das komplette bürgerliche Theater beruht ja darauf. Das heißt, da sind wir jetzt nicht, das ist keine komplette Terra incognita, sondern das ist ja eigentlich ein Ansatz zu sagen, es gibt komplexe Systeme und das Theater hat eine gewisse katalysatorische Möglichkeit, das Ganze auch spezifisch zu machen, konkret zu machen und vor allem eben auch erfahrbar zu machen und in unserem Fall eben auch körperlich erfahrbar zu machen, dadurch, dass wir so eine große Bandbreite auch an Menschen haben, die wir bisher involviert haben und auch noch involvieren wollen. Die aus ihren verschiedenen Methoden natürlich auch eine ganz andere Perspektive immer mitbringen können.

Norina Quinteato

57:58

Okay, es hat niemand so gemacht. Max, ich würde dann sagen, wir diskutieren morgen Abend nach der Performance und Samstag weiter. Also nochmal herzliche Einladung an euch alle, morgen um 20:30 Uhr Anthropos Ex, zumindest Teile davon in Aktion zu sehen. Ihr habt tollerweise auch mit Soundkünstler:innen aus Karlsruhe zusammengearbeitet, die dabei sind. Also wir können alle gespannt sein. Und in Anbetracht der Zeit würde ich den Kreis jetzt schließen, weil wir eben auch noch einen zweiten tollen Vortrag gleich haben. Ich würde sagen, zehn Minuten Pause für Radler, Weinschorle oder Limo und wir treffen uns gleich wieder. Vielen Dank, Max, für den Einblick. Vielen Dank euch.

58:45

Vielen Dank. Vielen Dank.

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