Archiv · 13.08.–15.10.2022 · Ein Projekt von supermorgenArchiv 2022 · supermorgen

Gespräch · · 33:20

„/MKDIR – Make Directory“

Mitschnitt · 33:20 · 12 Kapitel

Kapitel 1 von 12Norina Quinte eröffnet den Donnerstagabend

Daniel Lythgoe

Sprecher:innen

  • Daniel Lythgoe · spricht/MKDIR CollectiveRedeanteil 43 %
  • Janosch Weber · spricht/MKDIR CollectiveRedeanteil 33 %
  • Norina Quinte · sprichtModerationRedeanteil 8 %
  • /MKDIR Collective · sprichtRedeanteil 2 %
  • Stimme aus dem Publikum · sprichtRedeanteil 2 %

Kurzfassung

Janosch Weber und Daniel Lythgoe vom /MKDIR Collective, beide mit Hintergrund in der Architektur, gehen auf die Suche nach dem Raum hinter dem Cyberspace: von den Collagen des Atelier Cyberspace über Tiefseekabel und Lithiumabbau bis zu Datenbeziehungen, Datenhandel, Smart City und Digital Twin. Ihr Fazit: Der Cyberspace ist kein Parallelraum, sondern ein Abbild gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse. Norina Quinte moderiert und leitet zum Schluss eine Frage aus dem Publikum ein.

Veranstaltung: /MKDIR – Make Directory

Transkript

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0:00Norina Quinte eröffnet den Donnerstagabend

Norina QuinteModeration

Wir freuen uns heute auf die nächste Runde donnerstags hier im WERKstattPALAST und zwar freuen wir uns auf einen ersten Vortrag von Janosch Weber und Daniel Lythgoe. Ich würde gar nicht zu viel verraten, außer dass wir uns quasi schon ein bisschen länger kennen, auch aus der Off-Szene hier in Karlsruhe und zusammen eine gewisse Zeit lang bei die Anstoß gewirkt haben und ich wiederum über einen anderen ehrenamtlichen Verein auf ein super spannendes PDF gestoßen bin, das dieses Projekt vorgestellt hat, über das wir gleich mehr erfahren und wir dann in Kontakt getreten sind und alle fanden, das passt sehr gut zur Infrastruktur, weil es um die digitale Infrastruktur geht und ich bin persönlich sehr gespannt auf die angekündigte digitale Dreifaltigkeit, um die es gleich mit untergehen wird und gebe das Wort direkt weiter, nachdem ich noch ganz kurz erkläre, was danach passieren wird und zwar werden wir leider den Martin Mannweiler heute nicht persönlich begrüßen dürfen, weil das aus privaten Gründen spontan nicht ging. Er hat aber tollerweise uns ein Teaser-Video vorbereitet, was wir euch gerne im Anschluss zeigen wollen, in dem er sein Projekt und seinen Film schon mal vorstellt.

1:25

Und wir haben uns entschieden, weil der geht 40 Minuten und wir denken an einen Donnerstagabend, wo man auch zwei Vorträge, weil im Anschluss kommt ja auch nochmal ein Vortrag auf uns zu, aus dem KIT Innovation HUB, dass das einfach too much wäre, weil wir ja nachher auch noch schöne Musik genießen, die aufgelegt wird. Insofern werden am Samstag und Sonntag unser Kinocontainer, da wird an diesen beiden Tagen dann der Film laufen zum Thema digitale Überwachungsstrategie, insbesondere auf die Stadt Mannheim bezogen und da würden wir uns auch freuen, wenn ihr Lust habt vorbeizukommen und unter anderem diesen Film angucken wollt, der wirklich sehr gelungen ist. Jetzt fangen wir an mit M-K-D-I-R und das war sehr lange unter uns, zumindest in der Planungsgruppe, sehr, sehr schwierig und es wurden irgendwann einfach M's, D's, I's, K's, R's aneinandergereiht. Das erklärt ihr jetzt. Viel Spaß euch.

2:28Was hinter dem Namen /MKDIR steckt

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

Ja, danke Norina. Hallo an euch alle. Schön, dass ihr alle hier seid. Ja, ich erkläre vielleicht kurz, was es mit diesem Namen auf sich hat, MKDIR, Make Directory. Das ist der Unix-Befehl für die Erstellung eines Verzeichnisses. Und wir haben beide einen Hintergrund in der Raumgestaltung. Also wir haben beide Architektur hier studiert in Karlsruhe. Und weil uns eben diese Schnittstelle zwischen der digitalen Sphäre und der räumlichen Sphäre interessiert, haben wir so eben diesen Begriff gesucht oder es hat uns gefunden. Und es soll ein bisschen so darauf hindeuten, wie Raum gebaut und geschaffen wird und wie digitaler Raum erschaffen wird.

3:26Auf der Suche nach dem Cyberspace

Janosch Weber/MKDIR Collective

Genau, jetzt würden wir einfach mal mit unserer Präsentation direkt reinsteigen. Und wir begeben uns heute auf die Suche nach dem Cyberspace, nach dem eigentlichen Raum, der sich dahinter verbirgt.

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

3:47

Ja, und in dem Sinne würden wir mit einer Frage beginnen. Denn, wie Janosch gesagt hat, es geht ja um diesen Begriff des Cyberspace. Und was mir oft hilft, wenn ich mich zu einem Thema versuche anzunähern, ist einfach zu sagen, okay, woran denke ich ganz intuitiv, wenn ich versuche, einen Begriff für mich zu definieren. Denn das offenbart gleich so ganz viele soziokulturelle Zusammenhänge, die das in sich hat.

4:20

Genau, und als ich an Cyberspace gedacht habe, das Erste, was mir dann einfiel, sind so kartesische Formen, die als Drahtgittermodell in so einem Weltall schweben, was natürlich diese Ästhetik ja den Einschränkungen, die es mit der Render-Software in den 80er und 90er Jahren gab, zu verschulden. Und dann habe ich weiter darüber nachgedacht, okay, vielleicht ist es auch mein Twitter-Feed und die ganzen Beziehungen, die ihr vielleicht auch da pflegt, zu Leuten, die ihr kennt oder auch nicht kennt. Oder vielleicht denkt man auch an einen Vorgänger des Twitter-Feeds.

5:05

Vielleicht sind es die Server, die zugleich ein Kernelement dieser digitalen Infrastruktur als auch ein hochtouriger Datenbasar sind.

5:17

Oder gar die Gebäude, die diese Server behausen, die bunkerartig sich verstreuen inmitten unserer Städte.

5:29

Oder auch eine ganz stereotypische Darstellung von Cyberspace, so als flaches Raster, endlos, unbehaftet, erschließungsfähig.

5:40

Komplett gleichwertig, im Ausdruck eine Anti-Hierarchie, eine Art Idealstadt für eine digitale Renaissance.

5:51

Worüber wir heute reden wollen, ist, dass dieses Bild eigentlich wenig mit der Realität zu tun hat. Und wir wollen auch die intrinsisch-räumlichen Aspekte des Cyberspace als maßgeblicher Raum und Lebensraum des 21. Jahrhunderts eingehen. Und vor allem, warum auch eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen und politischen Rahmenbedingungen wichtig ist, für die Entwicklung nicht nur der Städte, nicht nur des ländlichen Raumes, sondern auch für die Entwicklung eines tragfähigen Gesellschaftsbildes.

6:32Cyberspace war von Anfang an räumlich

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

Wir fangen daher an mit dem ersten Thema, dass Cyberspace räumlich ist und eigentlich auch schon immer war in seiner Konzeption.

Janosch Weber/MKDIR Collective

6:46

Die erste Erwähnung von Cyberspace sehen wir hier. Das ist unten rechts steht, in Großbuchstaben Cyberspace, ist eine Collage von 1968, 1970 sind diese Collagen und eine ganze Reihe entstanden.

7:07

Was wir hier sehen, sind menschliche Figuren in einem Raum, der sowohl aus geometrischen als auch organischen Objekten besteht. Und die Künstlerin war Susanne Ussing und der Architekt Carsten Hoff aus Dänemark. Und die haben sich zusammengetan unter dem Namen Atelier Cyberspace und haben nach der Theorie der Kybernetik von Norbert Wiener angefangen, Räume auch zu bauen.

7:40

Also nicht nur Collagen, sondern auch Installationen zu bauen. Und die haben die Sensory Spaces genannt. Und die Idee war es, so Interventionen zu schaffen, bei denen man durch physischen und emotionalen Eindruck die Wahrnehmung vom Raum an sich auflöst und eine Verbundenheit zwischen Körper und Welt irgendwie finden kann. Und für Ussing und Hoff war der Cyberspace an sich etwas total Physisches. Also es war kein virtueller Raum. Im Gegensatz dazu, die Konnotation von Cyberspace, wie wir sie heute vielleicht auch mehr so verstehen, aus dem Science-Fiction-Bereich kommt von William Gibson.

8:34

In den 80er Jahren hat er einige Science-Fiction-Romane verfasst und da führt er den Cyberspace ein und der Cyberspace dort ist, ich lese das Zitat kurz vor, Cyberspace, a consensual hallucination experience by billions of operators, a graphic representation of data abstracted from the banks of every computer in the human system. Und dieses Bild des Cyberspaces, des unendlichen Datenraums in der, ich sag mal, Cloud, das ist auch immer noch eine Vorstellung, die von den Pionieren und Vordenkern des Internets, wie es heute existiert, gerne herangezogen wird als Beispiel.

9:22Vom Datenraum zur globalen Infrastruktur

Janosch Weber/MKDIR Collective

Darüber das real existierende World Wide Web sieht man hier, oder zumindest eine Präsentation davon. Die ist entstanden 2012, also so gut vor zehn Jahren. Damals hat ein Hacker-Kollektiv einen Internet-Zensus versucht zu erstellen und mit 420.000 gehackten Geräten versucht, alle verfügbaren IPv4-Adressen anzupingen und dadurch zu ermitteln, welche überhaupt genutzt werden und wer die aktiven Nutzer des Internets sind. Und was wir hier auf der Karte sehen, ist das Nutzen der IP-Adressen über einen Tag verteilt. Also wenn es rot wird, ist viel Aktivität da, wenn es blau ist, ist es ruhig. Damals, also 2012, waren es 1,3 Milliarden Adressen, die aktiv waren.

10:21

Heute ist es schwierig, das nochmal zu machen, weil es ein neues Internetprotokoll gibt, das das nicht so leicht ermöglicht.

10:30

Aber die ganze digitale Ökonomie, die sich durch das Internet ja entwickeln konnte, basiert auf dem Grundsatz der globalen Reichweite und Grenzüberschreitung. Die globale Kommunikation über das Internet zu ermöglichen, wird ein immer dichteres Netzwerk an Leitungen geknüpft, die Tiefseekabel. Hier auf der Karte verbinden die unterschiedlichen Regionen der Welt und in Zukunft wird das noch ergänzt durch Satelliten, die die ganze Kommunikation unterstützen.

11:17

Der Unterbau des Nichtraums, des Cyberspace, ist eigentlich eine global umspannende Infrastruktur, die sich von der Tiefsee bis zur Exosphäre ausdehnt.

11:34

Regierung, Unternehmen und politische Entscheidungsträger:innen treibt vor allem das Versprechen nach mehr Effizienz und Transparenz, Produktivität und immer weiter dazu an, die Sammlung und Verarbeitung von Daten auszuweiten.

11:53

Die Systeme, wie wir sie kennen und vielleicht öfter interagieren mit denen im urbanen Raum, haben sich halt längst auf den ruralen Raum ausgeweitet. Und sei es irgendwie zur Optimierung von Anbauflächen als auch zur Extraktion von Rohstoffen. In dem Fall hier in der Atacama-Wüste in Chile, Förderungsflächen von Lithium.

12:37

Durch die immer mehr zu sehen wird, wie sich das Anthropozän auf unseren Globus irgendwie auswirkt.

12:51

Abseits von den Datenbanken im Netz wird die Oberfläche unseres Planeten damit immer mehr und unser Habitat allmählich vom Cyberspace kolonisiert.

13:02

Als nächstes über den Stuhl.

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

13:07

Ja genau, also das sind so ein paar Beispiele jetzt für die räumlichen Auswirkungen dieser logistischen Prozesse und infrastrukturellen Rahmenbedingungen, die diesen Systemen zugrunde liegen. Genau, wie sich das da entfaltet. Aber die Konzeption von Cyberspace geht ja auch über diese räumliche Gestalt hinaus.

13:31Cyberspace ist auch eine politische Sphäre

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

Und das ist unser nächster Punkt, dass Cyberspace eine politische Sphäre auch umfasst.

13:40

Da müssten wir erstmal so über ein paar von den Bestandteilen dessen reden. Zum einen Daten. Was sind Daten?

13:51

Oft wird dieser Begriff synonym verwendet mit Information.

13:56

Aber Daten haben tatsächlich eine zusätzliche Komponente. Sie umfassen nicht nur Information, sondern auch ihre Bewegung. Das heißt, es sind Informationsflüsse.

14:08

Zwei Autoren, Nick Couldry und Ulises Mejias, die haben ein Buch geschrieben 2019, das heißt The Costs of Connection. Und die bringen da ein ganz prägnantes Beispiel, wie man Daten verstehen kann. Die sagen, eine Einkaufsliste zum Beispiel, die auf einem Stück Papier gekritzelt ist, das sind keine Daten. Wenn sie aber auf dem Handy notiert werden, zum Beispiel in Googles Keep-App, dann sind es Daten. Und wenn wir über die Algorithmen reden, die Informationen über alle Nutzer von Keep sammeln, was sie auf die Listen schreiben, wo, wann, dann sind es auf jeden Fall Daten.

14:50

Dem gegenübergestellt stehen Datenbeziehungen, das nennen sie Data Relations. Datenbeziehungen sind Formen der Interaktion, ob miteinander, also zwischenmenschlich oder mit der Welt, also nicht unter Daten an sich.

15:07

Und die stellen neue Arten von menschlichen Beziehungen, die unsere Konzeption von Daten als Ware ermöglichen. Es ist vorstellbar, dass zukünftig Datenbeziehungen so selbstverständlich werden in unserem kulturellen Bewusstsein, wie etwa Arbeitsbeziehungen heute.

15:31

Durch Datenbeziehungen wird das menschliche Leben nicht nur unserem Wirtschaftssystem einverleibt, sondern auch einer ständigen Kontrolle und Überwachung unterworfen. Das Resultat ist, dass die Autonomie des menschlichen Lebens in einer fundamentalen Weise untergraben wird.

15:55

Das ist die gleiche Autonomie, die die Grundlage der Freiheit bildet, also genau der Wert, der von den Befürwortern des gleichen Wirtschaftssystems angepriesen wird.

16:11Vom Panoptikum zur Überwachung durch uns selbst

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

Ich stelle mal zwei Modelle der Kontrolle kurz vor. Was wir hier sehen, ist ein Panoptikon, wie das in einem Gefängnis gebaut worden ist. Das ist von einem sozialen Denker, der in England gelebt hat, im 18. und 19. Jahrhundert erfunden worden. Der hieß Jeremy Bentham.

16:39

Das war ein Konzept zum Bau von Gefängnissen und aber auch anderen Anstalten, zum Beispiel Fabriken, das die gleichzeitige Überwachung von vielen Menschen aus seiner zentralen Perspektive ermöglicht. Und in diesem Diskurs zur Haft in der damaligen Zeit, das stellt eine statische Form von Macht dar. Und was es beinhaltet, ist die Unterwerfung des Subjekts. Also auf Englisch sagt man dazu auch Subjugation, was etymologische Gemeinsamkeiten mit dem Wort Subjekt aufweist. Nicht zufällig.

17:21

Dem gegenübergestellt haben wir dieses inverse digitale Panopticon. Also Byung-Chul Han spricht hier in seinem Buch Psychopolitics, der sagt, Now everyone is his or her own Panopticon.

17:37

Das heißt, dadurch, dass wir diese Technologien nutzen, akzeptieren wir die Überwachung als eine Anforderung des täglichen Lebens.

17:49

Und es sind solche extraktive Beziehungen, die eine grundlegende Form der Enteignung darstellen.

17:55

Ein Leben, das ständig verfolgt werden kann, ist ein enteignetes Leben. Es wird ständig von externen Interessen in Anspruch genommen und der Extraktion unterworfen.

18:11

Das Ganze basiert auf diesem Konzept von Daten als Rohstoff. Also das, was ich meinte vorhin, dass Datenbeziehungen, das ist sozusagen die Bedingung, die das ermöglicht.

18:25

Genau, also damit personenbezogene Daten verwertet werden können, müssen wir sie als Rohstoff behandeln. Ein Rohstoff, das zur Verwertung, zur Extraktion frei steht. Und wir haben gesagt, personenbezogene Daten sind nichts anderes als die Informationen, die unser inneres Leben beschreiben. So wie auch die sozialen Zusammenhänge, die sich daraus ergeben.

18:49

In dem Sinne wird das letzte Äußere der Wirtschaft demontiert.

18:55

Ich beziehe mich wieder hier auf Byung-Chul Han, ich habe letztens ein Buch von ihm gelesen, deswegen ist mir das gerade im Gedächtnis. Der spricht an dieser Stelle dann von einem Gefühlskapitalismus, also die Kapitalisierung unseres inneren Lebens.

19:13

Wo bisher der Neoliberalismus soziale Prozesse als Märkte behandelt hat, heute sehen wir was anderes. Heute sehen wir, wie Datenbeziehungen die sozialen Prozesse wortwörtlich in Märkte verwandeln. Die soziale und die wirtschaftliche Sphäre verschmilzt.

19:39

Diese Sachlage übersieht zwei ganz wichtige Punkte aus unserer Sicht.

19:47

Erstens sind Daten kein frei verfügbarer Rohstoff. Sie bedürfen Infrastrukturen, die ihre Verwertung und Extrahierung ermöglichen. Und zweitens Daten und die Beziehungen, die sie umschreiben und umfassen, sind unumgänglich mit ihren Subjekten verwoben. Die Subjekte, die sie generieren und ihnen Bedeutung stiften. Das heißt, die Rechte, die jedem einzelnen Menschen gewährt werden, müssen konsequenterweise auch ihren Daten zugestanden werden.

20:21Wer mit Daten handelt: Acxiom, WeWork, Skyline AI

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

Ja, um jetzt das ein bisschen konkreter zu machen, fragen wir uns ja, wie weit reicht das? Wichtig ist anzumerken, an dieser Stelle, wir befinden uns eigentlich noch ganz am Anfang dieser ganzen Entwicklungen.

20:39

Also die Verwertung von Daten und der ganze Diskurs rund um Big Data herum, das existiert vielleicht seit, also im theoretischen Diskurs seit 15 Jahren, praktisch seit 10.

20:53

Hier ist ein Beispiel von einem Unternehmen in den USA namens Acxiom. Die handeln mit den persönlichen Daten von etwa 300 Millionen US-Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen. Also, anders gesagt, fast allen.

21:13

Ich habe gelesen, dass Acxiom inzwischen mehr über die amerikanische Bevölkerung weiß als das FBI. Das muss man sich erstmal vorstellen.

21:23

Und dieses Unternehmen teilt Menschen in etwa 70 Kategorien ein, die im Katalog frei zum Verkauf angeboten werden. Also hier sieht man einfach die ganzen Branchen, wo sie unterwegs sind. Das geht ja von dem Gesundheitswesen über die Mobilität bis hin zu Lebensmittelversorgung. Also alle Bereiche des menschlichen Lebens.

21:54

Durch solche Beispiele wird es erst vorstellbar, dass zum Beispiel eine Regierung, wie die vom Vereinigten Königreich, das gemacht hat im Jahr 2013, die haben überlegt, den Zensus abzuschaffen und sich auf private, erhobene Daten zu verlassen. Und das ist eigentlich das Weggeben von einer ganz zentralen Instanz der Autonomie des Staates und auch dessen Bürgerinnen.

22:27

Ein anderes Beispiel ist die Firma WeWork, wir kennen vielleicht der eine oder andere. Die haben sich rasant entwickelt vor ihrem Crash vor ein paar Jahren und die konnten das zum Teil deswegen machen, weil sie die Entscheidung darüber, wo sie ihre Offices aufmachen, Datenmetriken anvertraut haben. Die haben geschaut, okay, welches Stadtviertel eignet sich zur Gentrifizierung anhand von einer Agglomeration von Datenmetriken und haben einfach spekulativ da Offices aufgemacht. Und das haben sie zusammen gemacht mit einem anderen Unternehmen namens Factual, das irgendwie ziemlich unbekannt ist, aber auf dem Finanzmarkt ein ziemlich gewaltiges Unternehmen ist.

23:18

Und ich finde es auch interessant zu beobachten, dass die Firmen, die mit Daten handeln, meistens nicht im Vordergrund des politischen Diskurses stehen, außer jetzt die Social-Media-Firmen, die bilden aber auch nur einen Teil dieser Wirtschaftssparte eigentlich ist das. Also in dem Buch Cost of Connection, die Autoren nennen diese Sparte the Social Quantification Sector. Also dass es geht um die Quantifizierung und die Vermessung des Sozialen. Mit einem ähnlichen Ansatz wie das was WeWork verfolgt hat, aber im Wohnbereich hat sich Skyline AI, nennen sie sich, ein Asset Manager für Gewerbeimmobilien mit künstlicher Intelligenz entwickelt.

24:13

Und die haben sich die Aufgabe gestellt, die Welt der Immobilieninvestition in den Hochfrequenzhandel einzuführen, so dass es sich mehr den Finanzmärkten ähnelt, wo 70 bis 80 Prozent des Handels automatisiert ist. Und spätestens wenn man so ein Beispiel sieht und dann über Mietpreise nachdenkt, weiß man, dass Cyberspace durchaus eine wichtige politische Komponente hat.

24:41

Diese drei Beispiele zeigen nicht nur, dass Cyberspace politisch ist, sondern auch, dass da eine riesige Infrastruktur dahinter steckt. Und das wäre unser nächster Punkt.

24:51Die Infrastruktur hinter Lieferung und Landwirtschaft

Janosch Weber/MKDIR Collective

Genau, wir kennen sie wahrscheinlich alle und haben es vielleicht schon alle genutzt. Wer morgen noch schnell ein Datenkabel braucht oder eine Handyhülle, klickt sich schnell auf Amazon, bestellt es, morgen ist es da. Wie funktioniert das? Das ist natürlich basierend auf einer riesigen Ansammlung an Daten und Algorithmen, die versuchen durch Vorhersagemodelle herauszufinden, was am nächsten Tag am wahrscheinlichsten bestellt wird, wird es eben ermöglicht. Diese globale logistische Infrastruktur baut quasi eher auf den Überwachungsfähigkeiten auf der ganzen Nutzer als eigentlich auf dem Machen von Profit im Endeffekt.

25:50

Und ein weiteres Modell ist zum Beispiel Blue River. Hier wieder im Farming-Sektor, also im ländlichen Raum, werden mithilfe von cyberphysischen Strukturen oder Internet of Things, IoT, bei der Produktion von Nahrungsmittel wird darauf Automatisierung gesetzt. In dem Fall gibt es, es nennt sich See-and-Spray-System. Das vernichtet Unkraut und ist auch ein Algorithmus, der quasi ganz spezifisch das Unkraut identifizieren kann und nur das Unkraut vernichtet. Dabei werden dann noch Daten über die Pflanzen gesammelt, die natürlich cloudbasiert dem Landwirt von heute live zur Verfügung gestellt wird.

26:40

Aber das Ganze endet da nicht. In den letzten Jahren kommen immer mehr Patente von Tech-Firmen in die Presse und manchmal scheinen die banal und andere sind völlig absurd, wie zum Beispiel hier links oben für euch, ein Päckchenlager im Wasser, also eine Aquatic Storage Facility. Es wird halt konstant nachgedacht darüber, wie die Verschmelzung von digitaler und physischer Infrastruktur und der Übergang von algorithmischer Logik aus dem virtuellen Raum in den physischen und sozialen Sphären stattfinden kann.

27:22Smart City und Digital Twin

Janosch Weber/MKDIR Collective

Ein anderes Beispiel oder eine andere Anwendung davon, eine andere Idee, ist eben die Smart City.

27:29

Wir haben bestimmt auch schon viele davon gehört. In dem Fall werden Sensoren in der Stadt aufgestellt oder Sensoren nutzbar gemacht, die schon vorhanden sind, um all die anzubinden an eine digitale Plattform, welche dann wiederum der Stadtservices zur Verfügung stellen kann. Ob das dann Dienstleistungen sind wie Parkleitsysteme oder Risikoabschätzungen an größeren Plätzen. In dem Fall würde ich auch auf den Film verweisen, der am Wochenende gezeigt wird. An dem geht es ja auch um algorithmische Kameraüberwachung von öffentlichen Räumen. Das wäre auch ein Teil der Smart City.

28:15

Das Ganze mündet dann schlussendlich darin, der Öffentlichkeit will man das Ganze zur Verfügung stellen. Es ist ja oft, eine Smart City ist oft staatsfinanziert und deswegen besteht der Wille, das zur Verfügung zu stellen.

28:33

Und da sprechen wir von einem Digital Twin heutzutage. Und mit dem Digital Twin Modell, also ein Digital Twin kann eigentlich ein Zwilling, ein Abbild sein von einem physischen Prozess, von einer Person, von einem Ort, in dem Fall eben von einer ganzen Stadt. Ursprünglich wurden die entwickelt bei industriellen Fertigungsprozessen, um bevor man Anlagen testet oder baut, die komplett zu testen und nachlaufend eben zu verbessern.

29:07

Mit immer größeren oder besseren BIM-Modellen, ich weiß nicht, wer aus dem Sektor kommt, das sind Building Information Models und Big Data und der modernen Kartografierung über Satelliten werden eben 3D-Modelle von Städten erstellt, bei denen sich Nutzer, also wir Bewohner der Stadt, uns einloggen können und eine zusätzlich virtuelle Feedback-Schleife für Bürger zur interaktiven Partizipation integrieren werden.

29:44

Das sind die fortschrittlichen. Also meistens befindet sich das dann doch immer noch in dem privaten Sektor. Genau, also viel davon ist eben im privaten Sektor und noch nicht öffentlich. Es gibt einige Städte, wie Helsinki ist zum Beispiel ein Paradebeispiel oder Tallinn, die eben wirklich gute Digital Twins ihrer Städte bauen.

30:12

Und damit wären wir quasi am Ende.

30:18Der Cyberspace ist ein Abbild der Gesellschaft

Daniel Lythgoe/MKDIR Collective

Ja, auch diese Geschichte um das Digital Twin herum, das zeigt uns, dass der Cyberspace ein Abbild ist der Realität. Es ist nicht etwas, was dazu parallel existiert, sondern es widerspiegelt die sozialen und wirtschaftlichen Prozesse und Werte, die wir haben, wieder. Und darüber nachzudenken, wie wollen wir den virtuellen Raum gestalten, ist gleichzusetzen damit, wie wollen wir eigentlich unsere Gesellschaft gestalten. Und wir sind nicht ganz zum letzten Punkt angekommen, wir haben noch einen offen, werden wir auch heute nicht machen, denn am Sonntag haben wir auch noch einen Workshop hier im WERKstattPALAST um 12 Uhr. Da werden wir zusammen auf spielerische und kreative Art und Weise weiter über diese Fragen und Themen nachdenken und versuchen unsere Ideen festzuhalten.

31:19

Also herzliche Einladung auch dazu. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.

31:33Fragen aus dem Publikum

Norina QuinteModeration

Vielen, vielen Dank. Ich bin mir sicher, dass es, ihr habt ja schon gesagt, drei Stunden reichen Sonntag nicht aus, also kommt alle vorbei, viel Redebedarf auch zu den verschiedenen Themen gibt. Ich würde trotzdem einmal in die Runde fragen, ob es gerade eine Frage, einen Impuls, eine Rückfrage gäbe eurerseits, wo ihr sagt, da würdet ihr gerne nochmal anknüpfen oder ob wir das gemeinsam am Sonntag arbeiten. Also falls es eine Wortmeldung gibt, wollen wir die natürlich noch hören.

Stimme aus dem Publikum

32:01

Gerne. Ja, ich hätte erzählt, ich glaube es geht so, oder? Ja, probiere, gerne. Und zwar zu den Daten, ihr hattet es vorher gesagt, dass es quasi einen Punkt gibt, wo die Daten von dem Zettel aus, sobald sie übertragen werden, in den digitalen Space, würde ich sagen, dass sie erst dann wirklich zu Daten werden und davor nicht. Aber das Gleiche würde ja auch anders bewegen. Gibt es so einen Punkt, wo Daten dann aufbrenziger Daten zu werden, zum Beispiel wenn man hier auf Magnetband steigt oder sowas, und wie halt wirklich Long-Term-Storage oder so irgendwas zu machen, sind es da immer noch Daten?

/MKDIR Collective

32:33

Ich denke, das hängt damit zusammen, ob und inwiefern man sie auswerten kann und inwiefern sie auch Zusammenhänge beschreiben, also interpersonelle Zusammenhänge. Das ist das Thema der Datenbeziehungen. Also das ist das, was sie kapitalisierbar macht und das ist, was sie auch aus einem kritischen Standpunkt betrachtet interessant macht.

33:08

Aber doch, also wenn du dich entscheidest, die App zu löschen und wieder Notizzetteln benutzt, dann ja, also durchaus.

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