Gespräch · · 53:46
„Alles im Leben ist eine Brücke“

Mitschnitt · 53:46 · 12 Kapitel
Kapitel 1 von 12Christina Becker eröffnet den ersten thematischen Abend
Andreas Gerdes
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Christina Becker eröffnet den ersten thematischen Abend
Andreas Gerdes0:00 / 53:46
Sprecher:innen
- Andreas Gerdes · sprichtKIT Innovation HUBRedeanteil 85 %
- Christina Becker · sprichtModeration, KIT Innovation HUBRedeanteil 4 %
- Stimme aus dem Publikum · sprichtRedeanteil 2 %
Kurzfassung
Prof. Andreas Gerdes, wissenschaftlicher Leiter des KIT Innovation HUB – Prävention im Bauwesen, spannt einen Bogen von antiker Bauchemie und römischen Zisternen bis zu heutigen Brückensanierungen. Er fordert, Bauwerke über ihren Lebenszyklus statt über die Herstellungskosten zu bewerten, denn dauerhaft sei ökologisch. Christina Becker (KIT Innovation HUB) eröffnet den ersten thematischen Salon-Abend im WERKstattPALAST, am Ende folgen Fragen aus dem Publikum.
Transkript
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0:00Christina Becker eröffnet den ersten thematischen Abend
Christina BeckerModeration, KIT Innovation HUB
Vielen Dank für das Einführen der Einführung. Ich freue mich sehr, euch alle hier heute begrüßen zu dürfen zu unserem ersten thematisch bespielten Abend beim WERKstattPALAST, nachdem wir letztes Wochenende schon ein sehr erfolgreiches Eröffnungswochenende hier hatten, das wirklich sehr, sehr schön war. Genau, ich glaube, also mein Name ist Tina Becker, ich arbeite am KIT Innovation HUB für Prävention im Bauwesen und bin von der Seite für den WERKstattPALAST auch zuständig, zusammen mit hauptsächlich Norina Quinte, die die Leitung von ato übernimmt und wir haben zusammen eben hier auch dieses Programm gestaltet mit noch sehr, sehr vielen weiteren Akteuren und Akteurinnen.
Heute der Abend soll einfach nochmal so ein bisschen einführen in die Thematik und auch den wissenschaftlichen und infrastrukturellen Begriff, aber auch nochmal den künstlerischen Begriff aufmachen und darüber auch eben in die Diskussion bringen. Unser erster Vortrag heute wird von Professor Andreas Gerdes gehalten, dem wissenschaftlichen Leiter des KIT Innovation HUB für Prävention im Bauwesen. Und ich glaube, ich müsste noch ganz kurz bezüglich der Aufnahme euch alle fragen, ob das in Ordnung ist. Wir würden zu Dokumentationszwecken den Ton aufnehmen heute von der Veranstaltung und auch Fotos machen. Wenn jemand nicht auf diesen Fotos sein möchte, dann könnt ihr uns gerne ansprechen. Dann werden wir das natürlich vermeiden.
Und damit freue ich mich sehr, Andreas, dass du uns jetzt in die Welt der Infrastruktur einführen wirst.
1:46Wissenschaft und Kunst an einem Tisch
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Vielen Dank, Tina. An dieser Stelle auch nochmal herzlichen Dank, denn die Norina und die Tina, die haben gerade in den letzten Wochen, da gibt es aber auch noch andere Kandidaten, sehr hart gearbeitet, um das hier zustande zu bringen. Und wir haben in der Zwischenzeit auch schon ein bisschen Rückmeldung bekommen, dass es doch auf Interesse gestoßen ist, dass die Wissenschaft und die Kunst mal versucht, etwas zusammen zu machen. Und dass das gar nicht so weit auseinander ist, sehen Sie vielleicht. Ich habe aus meiner eigenen Bibliothek ein paar Bücher mitgebracht. Die sehen Sie dort auf den Tischen. Da gibt es zum Beispiel hier Public Arp. Hans Arp hat sehr viel mit Beton gemacht. Da gibt es also schöne Beispiele an einer Arbeit. Da war ich selber auch beteiligt und habe an der Restaurierung daran teilhaben können, an der Arpsäule in Basel bei der Kunstgewerbeschule.
Oder ich habe eins dabei, das ist ein Theaterstück, Zement, Messie, das ist inszeniert worden. Damals eben von unserem lieben Herrn Müller in Bochum, ein Theaterstück, was drauf eingeht, auf die industrielle Revolution. Und die industrielle Revolution, Infrastruktur ohne das, ach so, das bin gar nicht ich, dachte jetzt, das Volumen wäre jetzt größer als gedacht, dass ich den Schatten werfe, ohne Infrastruktur wäre es gar nicht möglich gewesen, diese industrielle Revolution zu machen. Sie haben noch ein paar andere kleine Bücher, dabei gibt es noch ein Gedichtsband, da geht es dann das Lied des Zementes und da sieht man eigentlich, dass dieses Thema Werkstoffe des Bauwesens eigentlich um uns herum sind, aber ähnlich wie die Infrastruktur nehmen wir sie oft nicht mehr wahr.
Das ist etwas, was uns auch heute wehtut, denn wir sind es mittlerweile so gewohnt, unsere Infrastruktur zu nutzen, dass wir es eigentlich gar nicht mehr wahrnehmen, Infra darunter liegen. Und in unseren Gesprächen, die wir begonnen haben bei einem Kaffee, es geht ja immer bei einem Kaffee los, wenn so eine Idee entwickelt wird, war dann auch sehr schnell, dass es der Kunst heute, der Kultur auch so geht, dass sie in Anführungsstrichen eine Infrastruktur ist, mit Infrastrukturen arbeitet, aber von vielen auch als Selbstverständlichkeit, als Infrastruktur gesehen wird und nicht so wahrgenommen wird. Und daraus ist eben sehr schnell die Idee entstanden, können wir nicht was zusammen machen, um diese Dinge wieder zusammenzuführen, das deutlich zu machen und dem berühmtesten aller Wissenschaftler und dem berühmtesten aller Künstler, der fällt uns gleich ein, das ist natürlich Leonardo da Vinci.
Und heute geht es in unserem Business, ich bin Wissenschaftler, die Tina hat es schon gerade angedeutet, habe mit 15 Jahren mit der Bauchemie bekommen, auf der Baustelle habe ich geputzt und gemauert und Ähnliches und das verfolgt mich jetzt, wenn man so will. Leidenschaft, schafft Leiden, meine Frau kann davon ein Lied singen, bis heute und das sind jetzt 45 Jahre. Und es macht immer noch Spaß, weil wir in den letzten Jahren zunehmend an Grenzen herangegangen sind. Denn wenn wir uns in einzelnen Bereichen bewegen, die uns vertraut sind, scheuen wir manchmal auch, eben an die Grenzen heranzugehen. Und das gilt für die Kunst genauso wie für die Wissenschaft. Aber an diesen Grenzflächen, da wird jetzt gerade was bewegt. Da kann ich was verändern, weil da Dinge zusammenkommen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, aber auf den zweiten Blick schon.
Und da sind wir eigentlich schon ein bisschen bei dem Titel Alles im Leben ist eine Brücke. Und diese Brücke, die ja, kommen Sie ruhig rein, setzen Sie sich dazu. Nicht bange sein, kostet nüt.
Das ist eben die Idee. Alles im Leben ist eine Brücke. Und Brücke steht hier in erster Linie für Kommunikation. Und wir haben nachher ein paar Minuten noch Zeit, auch zu diskutieren. Das würde ich gern mit Ihnen tun. Weil oft wird der Eindruck erweckt, wir liefern Impulse für die Gesellschaft aus der Forschung. Aber heute ist man im Kopf ganz viel weiter. Man spricht dann da von transformativen Wissenschaft. Das heißt, der Bürger tauscht sich mit dem Wissenschaftler aus und gibt ihm vor, was ihm wichtig ist. Und wir helfen dann der Gesellschaft. Und dieser Kreis, das ist das, was wir heute als moderne Wissenschaft betrachten.
Und ich hatte bei der Eröffnung am Freitag mal kurz gesagt, wir müssen unseren eigenen Elfenbeinturm verlassen und bauen ihn jetzt gerade oder haben ihn umgebaut hier in den WERKstattPALAST. So, jetzt ist schon das erste Problem. Die Hälfte meiner Zeit ist schon um. Ich bin noch bei der ersten Folie. Denn die größte Herausforderung für einen Professor ist, nicht einen Vortrag zu erhalten, sondern in der Zeit zu bleiben. Was in den wenigsten Augenblicken gelingt.
6:50Was die Antike schon über Bauchemie wusste
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Uns ist manchmal gar nicht so bewusst, wie diese Brücke des Bauens über Jahrtausende geht. Und wenn wir uns das Ganze hier mal anschauen, ich habe Ihnen mal mitgebracht, die Infrastruktur der Antike. Und wir fassen den Begriff Infrastruktur sehr weit. Wenn wir in Deutschland über Infrastruktur diskutieren, vor allem auch die Politiker, die haben manchmal das Problem, das zu fassen, weil Infrastruktur ist so wahnsinnig viel, dass ich zwei Dinge tun kann. Entweder ich reduziere es auf die Straßen, auf die Eisenbahn und dann ist schon Schluss. Oder aber ich spreche so allgemein darüber, dass niemand so genau meint, ja, was will ich denn tun?
Infrastruktur geht zurück in die Anfänge unserer Menschheitsgeschichte. Erst wie wir in der Lage waren, Wasser zu speichern, konnten wir Dörfer und Städte bauen. Vorher war das gar nicht möglich. Und ich habe Ihnen mal was mitgebracht, um Ihnen auch zu zeigen, wie moderne Verfahren, die wir heute einsetzen, immer noch aktuell sind. Und ich gehe mal davon aus, dass hier auch Kolleginnen und Kollegen aus dem Baubereich dabei sind. Die Sanierung aufsteigender Feuchtigkeit im Mauerwerk, das haben die Ägypter schon gemacht. Und zwar indem sie da schlicht und ergreifend Seife und Alaun, Alaun ist ein spezielles Sulfat, also ein Mineral, einfach in das Mauerwerk injiziert haben und dadurch letztendlich das Mauerwerk dann wasserabweisend ausgerüstet haben.
Das war natürlich wichtig beim Nil, bei der Nil-Hochwasser, das eben auf diese Art und Weise zu erreichen. Auch im antiken Rom, die Dauerhaftigkeit der Bauwerke, die wir heute so bewundern, ich werde Ihnen gleich noch ein Beispiel zeigen, was wirklich herausragend ist, ist darauf zurückzuführen, dass man dort Additive eingesetzt hat. Das waren aber eben Dinge, die man vielleicht, sage ich mal, nicht unbedingt im Chemiebaukasten erwartet, sondern im Kühlschrank. Das waren zum Beispiel Eiweiße. Man hat also Eier aufgemacht, Eierschaum produziert und hinzugegeben. Da hat man den Mörtel luftiger gemacht und dadurch wurde der Frost beständig. So hat man also schon diese Eigenschaften aus, oder Öle, erste Pressung natürlich, da war nur das Beste gerade gut genug, hat man Olivenöl dazu gegeben und den Beton wasserabweisend ausgerüstet. Da gab es also schon eine ganze Menge und ich zeige Ihnen nachher eine Folie, wo das dann auch deutlich wird.
Leider ist das verloren gegangen und da gibt es eine kleine Geschichte aus der Schweiz. Das ist tatsächlich so, da haben Archäologen im Mauerwerk in Solothurn, das ist eine wunderschöne Stadt, eiförmige Hohlräume gefunden und haben sich gewundert. Denn nach dem Niedergang des Römischen Reichs ging es mit dem Bauen erst wieder um das Jahr 1000, 1100 los. Da kann man von einer Baukrise sprechen. Das, was wir heute haben, ist da nichts dagegen. Und da fand man diese eiförmigen Hohlräume, hat sich gewundert, was da passiert ist. Und die Antwort war ziemlich klar, die Baumeister damals wussten, dass es gut für die Dauerhaftigkeit ist, Ei zum Bau solcher Stadtmauern zu verwenden. Dass man sie aber kaputt schlagen muss und das Eiweiß nehmen, das war vergessen gegangen und das wussten sie eben nicht.
Und das waren jetzt eben die Rückstände der entsprechenden Eier.
Wir haben aber nicht nur viel Bauchemie, wenn man so will, oder Additive jetzt hier im Römischen Reich gehabt. Die Tempelanlagen Kerala in Indien, die Inder, haben eine extrem hochwertige Mörteltechnologie entwickelt über die Jahrhunderte mit jeder Menge organischen Zusätzen und das wird heute bei der Sanierung der entsprechenden Tempelanlagen immer noch eingesetzt, dieses Wissen, das fängt dann an bei Dingen, wie ich es da gesagt habe, Pflanzenextrakte bis Tabak. Also hier hätten wir sicherlich, wenn ich manchmal die Stapel der Tabak sehe, genug hier, um einen Tempel zu kreieren. Aber das war tatsächlich eben auch Teil dieser Mörtel, um ganz spezielle Eigenschaften zu generieren. Und in erster Linie ging es da um Dauerlager.
Die Chinesen waren da auch, was eben sehr gern eingesetzt wurde, wurde das Stierblut. Und ich habe an der ETH gearbeitet und promoviert. Mein Chef meinte, jetzt gehen wir in Bio, jetzt gehen wir mal auf Stierblut zurück. Da konnte ich ihn aber im letzten Augenblick dann noch bremsen, sondern das wäre sicherlich nicht die Lösung für heute gewesen. Hier sehen Sie jetzt mal, wann was eingesetzt worden ist. Wir werden die Folien auch, denke ich, aufs Netz setzen. Da können Sie, wenn Sie Lust haben, sich dann das Ganze dann auch runterladen. Und da sehen Sie, das ist der komplette Kühlschrank, den wir dort haben, der dort eingesetzt wird. Und die interessante Entwicklung ist im Moment tatsächlich so, dass in der modernen Bauchemie, bei modernen Additiven, die wir zum Teil auch neu entwickeln müssen, um wieder zurückzukommen zu dauerhaften Werkstoffen, Recyclingmaterialien, all diese Geschichten, dass man heute tatsächlich sehr genau über nachwachsene Rohstoffe nachdenkt, die man aufbereitet und dann eben als Zusatz, als Additive dann einsetzen will.
Wer baut, weiß, das geht nicht immer gut.
Und ich habe Ihnen hier mal ein sehr berühmtes Bauwerk mitgebracht, das Sie sicherlich schon mal gesehen haben. Das ist Pont du Gard. Das ist also in dem Sinne hier ein Aquadukt, der von den Römern gebaut worden ist. Wenn Sie ganz alte Bilder sehen, dann kann man hier unten sogar noch kleine Autos sehen, die da drüber gefahren sind. Heute ist das natürlich ein Denkmal von internationalem Rang. Und dort hat der Sextus Iulius Frontinus, das war der Baumeister im Wasserbereich, schon vor, sagen wir mal, 1900 Jahren gesagt, kein anderer Bau erfordert größere Sorgfalt in seiner Ausführung als einer, der dem Wasser standhalten soll. Da ist für einen solchen Bau in allen Einzelheiten Gewissenhaftigkeit vonnöten. Ganz im Sinne der Regeln, die zwar alle kennen, aber nur wenige befolgen.
Ich bin mir sicher, dass die Kolleginnen und Kollegen unter uns aus dem Baubereich, jetzt schmunzeln und sagen, da hat sich in den 1900 Jahren praktisch nichts wirklich getan. Aber es zeigt eben, dass in dieser Zeit die Dauerhaftigkeit schon eine große Rolle gespielt hat.
13:17Warum römische Zisternen 2000 Jahre halten
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Ich hatte vorhin schon mal angekündigt, wie man auch sieht, wie Technologie, die jetzt vielleicht vor 2000 Jahren entwickelt worden ist, tatsächlich heute wieder zurückkommt. Ich möchte Ihnen auch ein bisschen zeigen, wo gehen jetzt die Trends hin, wo gehen die Entwicklungen hin. Und das war ein Projekt, Grenzflächen zwischen zwei Themen, die wir vor einigen Jahren mit den Kollegen aus der klassischen Antike, aus der Archäologie auf der Insel Pantelleria gemacht haben. Heute habe ich noch ganz nebenbei gesehen, es gibt einen Waldbrand auf Pantelleria. Da wurde dann das Haus vom Herrn Armani bedroht. Es ist eine wunderschöne Reisedestination. Schauen Sie mal rein, da haben Sie nämlich an einem einzigen Ort in der ganzen Welt drei verschiedene Bereiche bezüglich der Botanik. Das gibt es sonst irgendwo anders. Das heißt, Sie haben Mediterranee, auf der anderen Seite ist die Insel afrikanisch.
Und damit Sie sich nicht irgendwo von Heimweh verfolgt fühlen, ganz oben auf dem Krater, da haben Sie den Nadelwald, wie es aus dem besten Schwarzwald sein könnte. Und diese Insel, diese Insel Pantelleria, liegt an einem sehr strategisch wichtigen Punkt. Da fährt man nämlich dann direkt dran vorbei, wenn man in den hinteren Teil will. Und deshalb haben sich sehr früh die Punier und die Römer darum schon gestritten. Und wir waren dann dort mit den Archäologen auf der Akropolis. Das sieht man hier mal von der Draufsicht. Das ist so eine Luftaufnahme, das ist von der anderen Seite. Und da gibt es jetzt eben jede Menge Fundorte von Zisternen.
Und wie Sie vielleicht schon mitbekommen haben, ändert sich in manchen Regionen Deutschlands nicht nur die Wasserversorgung, sondern auch die Baugesetzgebung. In Hessen zum Beispiel gibt es schon Gemeinden, wo Sie beim Neubau verpflichtet werden, eine Zisterne zu bauen. Und jetzt kriegen Sie gar keine Baugenehmigung mehr. Also da gibt es ein bisschen Bewegung. Und wir beschäftigen uns schon seit vielen Jahren mit Trinkwasserbehältern. Und die halten manchmal nur sechs Monate nach dem Neubau, weil dort Schadensprozesse ablaufen, die hochkomplex sind, aber eben sehr schnell. Und dort gab es dann Zisternen, die 2000 Jahre nicht nur überlebt haben, sondern zum großen Teil seit 2000 Jahren im Gebrauch sind. Ohne jegliche Reparatur. Und da war die Frage, warum können wir dauerhaft bauen? Warum ist es möglich tatsächlich, oder was ist das Geheimnis hier, das hinzubekommen?
Es gab eine andere Insel noch, die ist dabei, da sieht man eben auch, wie clever, dort hat man dann auf den Hügeln entsprechende Kanäle in den Fels geschlagen, um in einer großen Zisterne dann eben das Wasser zu speichern.
Die Wasserversorgung in der Antike wird die Wasserversorgung der Modernen. Ich habe es gerade schon angedeutet, das Einrichten von Zisternen. Wir hatten zum Beispiel auf der Akropolis einen großen Marktplatz, wo unter der Akropolis ein großes, also das war fast der größte Wasserbehälter, und wo denn für gemeinschaftliche Verbrauch das Wasser für alle gespeichert wurde. Und warum werden und sollen wir nicht in Zukunft Brauchwasser eben unter dem Marktplatz, haben wir nicht mehr so viel Platz, da haben wir jetzt ja die U-Strab, aber in anderen Bereichen, wo große Flächen sind, Wasser speichern, um dann eben den Bedarf zu decken. Denn wenn Sie jetzt gerade reinschauen, das wird eine große Herausforderung sein. Das war auch für die Leute dort auf der Insel und da haben Sie auch gesehen, dass es funktioniert hat. Die hatten nämlich nur vier Monate, um das zu speichern. Das ging nämlich von November, Dezember, Januar, Februar. Da gibt es Regenfälle und danach ist es so schön wie hier, fast kein Regen.
Und deshalb musste das Wasser für das ganze Jahr reichen. Und deshalb hatte jede Zisterne, praktisch jedes Bauwerk hatte seine eigene Zisterne, woraus die sich dann dient haben. Und da gab es dann tatsächlich Zisternen, die hatten wir die Chance, dank den Kollegen von der Archäologie, nach 2000 Jahren ungefähr das erste Mal selber reinzusteigen und zu schauen, wie sind die denn aufgemacht worden und wie sind die denn produziert worden. Vor allen Dingen zeichnen sie sich durch ihre Langlebigkeit aus. Moderne Trinkwasserbehälter, die innen drin eine Beschichtung bekommen, halten seit etwa 20 Jahren, wenn es gut läuft, 25 Jahren, müssen dann ausgetauscht werden. Das sind die modernen Beschichtungen.
Im letzten Jahrhundert bis in die 20er, 30er Jahre hat man diese römische Technologie auch in Deutschland noch eingewendet. Ich habe oft beobachtet, wenn ich kaputte Trinkwasserbehälter beobachte oder begangen bin, war ich verwirrt, denn links war eine Wasserkammer mit 100 Jahren alter Beschichtung. Die wollten jetzt was Gutes tun, haben die Rechte saniert und die waren nach sechs Monaten kaputt. Und die anderen nach 120 Jahren immer noch tiptop. Die Frage war also, was ist die Ursache dafür?
Und wenn man es jetzt mal sieht, das ist auch ein sehr poröser mineralischer Mörtel. Und dieser mineralische Mörtel wurde dann hier, sieht man es, da sind die groben und dazwischen ist er leicht rötlich, das ist Ziegelmehl.
18:34Der Zement der Zukunft kommt aus Rom
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Und das wird der moderne Zement in den nächsten 10, 20, 30 Jahren werden. Warum? Zement ist ein Material, was einen extrem hohen Energieaufwand verlangt. Das heißt, ich brenne bei 1450 Grad, da brauche ich sehr viel Energie, wobei moderne Zementwerke heute etwa 70, 80 Prozent Abfälle verbrennen. Also das Frittenöl von McDonalds, das geht da schlicht und ergreifend dann dort in den Zementdrehrohrofen oder auch Kunststoffabfälle. Und diese Zemente, die dann dort gebrannt werden, liefern auch nochmal CO2, nicht nur durch die Brennstoffe, sondern aus dem Material selber. Heute rechnen wir so etwa damit, dass wir in Richtung 10% weltweites CO2 gehen, was ausschließlich durch die Zementherstellung freigesetzt wird.
Und da sehen Sie schon, bei den Baustoffproduktionen und Bauen geht man insgesamt von 20% aus. Und da sehen Sie schon, bei diesen riesigen Mengen an CO2 können wir jegliche Klimaziele vergessen. Selbst das 3% Klimaziel, wenn es uns nicht gelingt, diese extremen Massen- und Energieströme drastisch zu reduzieren. Denn Deutschland ist gebaut, aber ich komme gerade aus dem Mittleren Osten zurück. Wenn Sie sehen, was da jetzt gerade losgeht, die entwickeln ihre Infrastruktur. Afrika entwickelt ihre Infrastruktur, Südamerika entwickelt, Indien fängt jetzt gerade an. Also das ist überall im Rest der Welt und deshalb bemühen wir uns auch eben, Technologietransfer in der Form zu machen, dass wir das, was wir hier falsch gemacht haben, erklären, dass Sie bitte nicht den gleichen Fehler machen. Das holen wir nicht wieder auf.
Warum Zukunft?
Wir haben also festgestellt, normaler Portlandzement, viel zu viel CO2, viel zu viel Energie. Wir wollen runter auf Temperaturen um 800, 900 Grad. Um diese Temperaturen zu erreichen, gehen wir zurück auf die römische Technologie. Denn was Sie da als helles Material sehen, ist Kalk. Kalk haben wir eigentlich in großen Mengen da. Das können wir bei 700, 800 Grad brennen, also deutlich niedriger als im Portlandzement. Und das Zweite, was da drin ist, ist eigentlich nichts anderes als gebrannter Ton, fein gemahlen. Und dieser gebrannte Ton wurde im römischen Reich recycelt. Denn die PET-Flasche der Antike war die Amphore und die wurde in Rom auf einen großen Berg geworfen. Die gibt es heute noch und dort haben die Handwerker dann eben Splitt rausgemacht, beziehungsweise eben Mehl.
Und dieses Mehl plus diesen Kalk, das reagiert zusammen chemisch und bringt etwas, was der Bruder oder die Schwester des heutigen Portland-Zementes ist. Die können wir als Chemiker schwer unterscheiden. Und deshalb ist man heute eigentlich bei der Technologie, dass man sagt, dann gehen wir doch wieder zurück. Denn wir haben viele Tonvorkommen, die ausgebeutet werden für die Keramikindustrie. Aber nicht jeder Ton in diesen Tongruben ist tatsächlich geeignet dafür, um daraus eine Keramik zu machen. Da bleibt also viel übrig. Denn das Bauwesen mit diesen hohen Massen- und Energieströmen braucht große Rohstoffvorkommen. Da kommen wir auch schon zu einer Sache. Der Beton in der Form lässt sich in vielen Bereichen nicht ersetzen. Sie haben vielleicht im Fernsehen oder in den Nachrichten gelesen, das tragische Beispiel in Skandinavien ist gerade eine Holzbrücke, die 2012 gebaut wurde, zusammengebrochen unter dem Verkehr.
Das heißt, es muss Werkstoffe geben wie Beton, da werden wir nicht dran vorbeikommen, aber ich werde Ihnen zeigen, wie wir es nachhaltiger einsetzen müssen. Und deshalb sehen Sie hier praktisch die Zukunft der Bauwirtschaft, der Bauindustrie, was die Bindemittel angeht. Wir haben es damals immer so salopp gesagt, back to the future, wir gehen wieder zurück in die Zukunft.
Warum sind die so dauerhaft? Das war natürlich die große Preisfrage. Und Sie sehen hier, wir haben einen relativ groben Mörtel, der da eingesetzt wird und da vorne ist ein ganz feiner Blattstrich drauf. Und das war dann nach den Forschungsergebnissen der Trick. Und diesen Trick, den haben wir vergessen. Und deshalb haben wir den Trick wieder aufgenommen mit neuen Rohstoffen aus der heutigen Zeit. Und haben mit einer Firma zusammen das Produkt entwickelt, was genau wieder das darstellt. Und das ist jetzt der Mercedes-Benz, wenn man so will, der dauerhafteste Anstrich oder Beschichtung für Trinkwasserbehälter.
Diese Technologien, wie gesagt, haben wir schon seit vielen, vielen Jahren. Das ist auch eine, die kennen Sie. Die war schon in verschiedenen James-Bond-Filmen zu sehen. Und auch einen von Dan Brown, ich vergesse bloß immer den Namen. Und der letzten war da dann das Finale, das ist die Großzisterne, die Yerebatan in Istanbul, die eben zur Zeit Konstantinopels gebaut wurde. Das sind diese 100 Jahre alten Beschichtungen und Sie sehen keinen großer Unterschied, aber eine höhere Dauerhaftigkeit.
23:39Brücken bauen heißt Orte für Gespräche schaffen
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Brücken bauen. Brücken bauen heißt eben auch, Plätze zu schaffen, wo Kommunikation stattfinden kann, wo die Menschen zusammenkommen, um miteinander zu sprechen. Und deshalb Infrastruktur heute. Und ich habe Ihnen jetzt ein schönes Beispiel dafür mitgebracht. Sie sehen das hier. Das ist eben die Elbphilharmonie in Hamburg. Und Sie wissen auch, die Bausumme wurde um den Faktor 11 überschritten. Ich denke, das ist etwas, was eigentlich ins Guinness Buch der Rekorde gehört. So böse kann man sich nicht verrechnen. Sie kennen aber vielleicht auch das Ende der Geschichte, dass nämlich wie damals der Herr Scholz Oberbürgermeister wurde, in Hamburg sich mit dem Bauunternehmen zusammengesetzt hat und hat zwei Dinge verlangt.
Erstens, ihr macht jetzt eine Schlussrechnung bis zu dem, was ihr gemacht habt und dann bietet ihr mir zu einem Festpreis an, was der Rest noch kostet. Danach ist dieser Betrag nicht mehr überschritten worden und die waren in der Zeit fertig. Das heißt also, Brücken bauen, wer im Bauwesen ist, das ist ein hochkomplexes Ding. Das ist sehr schwierig, dort eben diese ganzen Prozesse miteinander zu harmonisieren, ob das eine Projektsteuer dabei ist oder irgendetwas anderes. Das ist die große Herausforderung. Und ich habe Ihnen schon gesagt, ich bin jetzt 45 Jahre in dem Business drin. Was mir eben auffällt, wir sitzen mit immer mehr Juristen am Tisch und reden immer weniger technisch. Da müssen wir wieder zurückkommen.
Das ist sicherlich eine wichtige Herausforderung. Denn wie werden wir vom Bauwesen her wahrgenommen durch unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger? Das sehen wir hier, denke ich, ganz schön, dass irgendwo mal wieder eine Brücke nach 15 oder 20 Jahren in die Luft gesprengt werden muss, weil sich niemand mehr darüber traut.
Tatsächlich müssen wir darüber reden, denn das Bauingenieurwesen ist im Moment doch deutlich unter Druck geraten.
Entschuldigung. Das gilt unter anderem auch eben an den Universitäten und Hochschulen. Warum? Das Bild eben von den Kollegen aus der Wissenschaft ist oft, ja Beton, den kannst du ja im Baumarkt kaufen, was sollen wir da noch Forschung machen? Das war natürlich vor 110, 120 Jahren ganz anders, weil was hat man dort getan? Man hat Infrastruktur geschaffen, man hat Dörfer, man hat Gemeinden angeschlossen an die Eisenbahn. Das war der Zugang zur Welt und auch heute haben wir eben dieses Brückenbauen, muss unsere Aufgabe sein. Das muss aber deutlich drüber hinausgehen, was jetzt die physikalische Erstellung der Brücken angeht, sondern wir müssen wieder stärker kommunizieren, was wir aus dem Bauwesen letztendlich auch als Beitrag zur Gesellschaft und zur Entwicklung der Gesellschaft leisten. Und das ist ein Bild, das hat eine Kollegin von uns gemacht, die Justine. Da haben wir auch für die Kinder ein Wimmelbuch, also wer da gern was mitnehmen möchte.
Für die Kids zum Ausmalen und zum Suchen. Wer hat uns hier mal auf dieser Folie deutlich gemerkt, was ist Infrastruktur? Und jetzt sehen wir hier, der war mal weg. Da habe ich dann persönlich darauf bestanden, dass der duschende Kollege da wieder hinkommt. Weil es macht sehr deutlich, wenn wir morgens unter der Dusche stehen, drehen den Wasserhahn auf, ist uns nicht bewusst, was für eine komplexe Infrastruktur wir auslösen. Wir nehmen es einfach als gegeben hin und das muss sich verändern. Denn wir haben sehr viel Infrastruktur.
27:18Warum Innovation im Bauwesen so lange dauert
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Infrastruktur muss gebaut und erhalten und auch rückgebaut werden. Ich habe Ihnen jetzt mal ein paar Dinge mitgebracht, weil ich bin mir sicher, dass zumindest die Kollegen aus der künstlerischen Fraktion sich manchmal fragen, wo ist denn da das Problem? Und das Problem ist in Deutschland vielfältig. Wir haben etwa 75.000 Unternehmen in Deutschland, Bauunternehmen, und davon haben 80 Prozent weniger als 20 Mitarbeiter. Das heißt, der Innovationstransfer erfolgt ausschließlich über die Regelwerke. Weil ich habe nicht bei einem 20-Mann-Unternehmen einen Innovationsbeauftragten, der als Scout dann überall nach neuen Entwicklungen schaut. Das heißt also, wenn wir Innovationen brauchen, dann dauert das ewig lange, weil die Unternehmen nur in den Regelwerken entwickeln.
Das hat 30 Jahre halbwegs funktioniert, aber durch Megatrends wie Klimawandel, Ressourcenverknappung, Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, haben wir jetzt heute einen wesentlich höheren Bedarf an Innovationen und es muss sehr viel schneller gehen. Nicht zuletzt dürfen wir nicht vergessen, praktisch alle Baustoffe, die wir verarbeiten, dürfen bei Temperaturen jenseits von 30 Grad nicht verarbeitet werden. Das steht klar an den technischen Merkblättern. Aber wenn Sie durch die Stadt fahren und draußen sind 35 Grad, läuft trotzdem alles weiter. Das bedeutet also, relativ kurzfristig werden da wieder Schäden auftreten. Und die Frage, die sich natürlich dann ergibt, ist auch, hey, wenn sich diese Schäden wieder ergeben, dann müssen wir ja wieder praktisch Geld in die Hand nehmen, um das Ganze zu sanieren. Ich zeige Ihnen aber gleich, was da noch mit dahinter steckt. Auf der anderen Seite, das ist ein Problem, die steigenden Baupreise.
Und in allen anderen Bereichen bekommen wir neue Technologien, neue Innovationen. Und dann kommen wir auch wieder zurück mit den Preisen. Wir haben nach einer Studie von McKinsey aus dem Jahr 2060 in den letzten 20 Jahren in Japan, Deutschland und den USA die Produktivität im Bauwesen um 0 Prozent erhöht. Deshalb gehen die Baupreise höher, weil jetzt eben die Löhne steigen und alles. Aber wir können nicht durch Produktivitätssteigerung ein Teil davon kompensieren. Aber jetzt kommen so Dinge wie 3D-Druck und Ähnliches. Aber das sind nur Ansätze, die im Spezialfall vielleicht funktionieren.
40 Billionen Dollar werden im Zeitraum von 2013 bis 2030 investiert. Nachdem in Saudi-Arabien und den ganzen Ölstaaten einige Entscheidungen getroffen sind, reicht die Summe bei Weitem nicht mehr aus. Sie haben vielleicht von dem neuen Projekt in Saudi-Arabien gehört, The Line. Auf 170 Kilometer sollen dann dort eine Art Betonbalken gebaut werden, darunter eine Underground-Bahn mit einem Hyperloop. Das heißt, die fahren mit drei, vier, 500 Kilometer pro Stunde durch eine Vakuumröhre durch. Und oben werden dann Hochhäuser gebaut im regelmäßigen Abstand, wo die alle autark sind, was Energie und alles andere angeht, wo insgesamt fünf Millionen Menschen leben sollen. Das ist ein Mammut. Da könnte man denken, das haben die jetzt gemalt und so. Nein, die sind schon am Bauen. Die betonieren gerade schon diese Betonkonstruktion, The Line.
Was wir nie vergessen dürfen, wenn wir bauen, haben wir hohe ökologische und ökonomische Herausforderungen, aber eben auch technologische. Und die werden in Zukunft größer werden. Aber wo entsteht jetzt eigentlich Infrastruktur? Infrastruktur entsteht in erster Linie in den Städten, Gemeinden und Landkreisen. Das sind etwa 60 Prozent. Das heißt, die Infrastruktur, die wir direkt nutzen, die wird eigentlich durch unsere Gemeinde gestellt. Nicht durchs Land und nicht durch den Bund. Das führt zu einem Problem, denn die Wahrnehmung bezüglich der Infrastruktur ist bei den Bürgermeisterinnen, Bürgermeistern, Oberbürgermeisterinnen, Oberbürgermeistern sehr stark da.
Aber sobald sie auf Landesebene oder auf Bundesebene gehen, verschwindet das Ganze. In Berlin ist Bauen letztendlich eine Frage der Wärmedämmung. Mehr ist nicht übrig geblieben, wenn wir ganz oben dann sind. Und hier sehen Sie eben den Investitionsrückstau, 160 Milliarden Euro. Da gehen wir gleich noch mal ein ganz bisschen mehr drauf ein. Denn die Frage ist natürlich, woran liegt das?
31:43Brücken halten viel kürzer als geplant
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Und jetzt gibt es einige Bad News für Sie als Steuerzahlerin und Steuerzahler. Die geplante Lebensdauer dieser Brücke, die wir hier draußen ja haben, Norina war so nett, das hier hinzubauen, dass ich für die Präsentation dann immer Anschauungsobjekte in der Nähe habe. Diese Brücke ist geplant für 100 Jahre in standsetzungsfreie Nutzung. Das heißt, wir streichen mal das Geländer, aber die Betonkonstruktion, da soll sich nichts verändern. Und diese Lebensdauer von 80 bis 120 Jahren wird in den seltensten Fällen, schön, dass Sie dabei sind, setzen Sie sich einfach gemütlich hin, beträgt nur 20 bis 30 Jahre. Da ist also sehr kurz die Lebensdauer im Vergleich zur geplanten Lebensdauer. Das würden Sie bei einer Uhr oder beim Küchengerät nie akzeptieren, dass das fünf Jahre halten soll, aber kein Jahr hält.
Jetzt kommt aber das Schlechte. Was wir ja gerade in Karlsruhe sehr intensiv erleben, sind die Instandsetzungen im Stadtbereich, wo also sehr viel in den Stand gesetzt wird. Wir haben eine Studie in Baden-Württemberg und Bayern gemacht, 3000 Brückensätze. Ich weiß, ich bin schon völlig über die Zeit. Oder wolltest du da gar nicht drauf gucken?
300 Brücken waren saniert und von den 300 Brücken war aufgrund der Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen bei 80 Prozent nach sechs Jahren schon vieler Schäden da. Das heißt, so eine Instandsetzung hält nur etwa 10 bis 15 Jahre. Und wenn Sie das jetzt mal hochrechnen auf 100 Jahre, dann müssen Sie da ein paar Mal auf die Baustelle und dieses Gefühlte, wenn die mal anfangen zu flicken, finden die kein Ende mehr, ist nichts Subjektives, tatsächlich objektiv so. Der zweite Punkt, reagieren statt agieren. Wenn eine Brücke geprüft wird, und dann kriege ich immer böse Blicke von den Kollegen aus dem Bauingenieurwesen, sehe ich gleich bei Ihnen auch, wer Bauingenieur ist, wenn er mich den bösen anguckt. Eine Brücke wird getestet, indem ich um sie herumgehe, klopfe und schaue, wo es hohl klingt. Das wird angemarkt und dann wird dort gerepariert.
Oder es kommt mir schon entgegen. Das ist natürlich eine klassische binäre Antwort, 1-0. Kaputt oder nicht kaputt. So kann ich aber natürlich für eine komplexe Infrastruktur, wie wir sie haben, kein Lifecycle-Management machen. Da brauchen wir neue Konzepte. Und deshalb eben auch, dass so oft immer wieder was kaputt geht. Man macht Inspektion, Inspektion, Inspektion und dann ist es kaputt. Aber wir müssen ja, wenn wir das frühzeitig erkennen, wie in der Medizin, und deshalb heißt der HUB auch Prävention im Bauwesen, dann warten Sie ja auch nicht, bis das Magengeschwür durchgebrochen ist, sondern fangen an zu handeln. Hier wartet man immer, bis das Magengeschwür durchgebrochen ist und dann startet man etwas.
Einzelanalyse anstatt Portfolio-Management. Jedes einzelne Bauwerk wird eigentlich mehr oder minder, zwar angeblich im Kontext, aber letztendlich sind es eigentlich immer Einzelprojekte. Und dann kommt das Entscheidende.
34:50Das Billigste ist nicht das Wirtschaftlichste
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Herstellungskosten statt Lebenszykluskosten.
Mir hat mal jemand gesagt, was Billiges kann ich mir nicht leisten, wenn ich kein Geld habe. Und das ist bei den Bauwerken aber so, weil wir nicht die Mindestlebensdauer dort erreichen. Und das liegt am Ausschreibungs- und Vergaberecht. Das wird nicht ausgenutzt, das ist alles möglich. Es fehlt auch Bewertungskriterien für die wirtschaftliche Lösung. Da heißt es nämlich, das Billigste ist das Wirtschaftlichste. Aber das ist es ja nicht so. Und wir haben praktisch keine Qualitätskontrolle in den Bauverträgen. […entfernt…] Und ich habe den Bauleiter gefragt, wie viel Geld hast du für die Qualitätskontrolle eingesetzt? Und dann druckst er so ein bisschen rum und dann kam heraus, 0 Euro.
Das heißt also, das würde bedeuten, Sie fahren zum Autohändler und nehmen ein Auto, was ein bisschen billiger ist, wo nie jemand geguckt hat, ob alle Schrauben nachgezogen sind. Ich bin mir sicher, so ein Auto würden Sie nicht mitnehmen, auch wenn es deutlich billiger wäre. Das Risiko ist einfach zu hoch. Im Bauwesen ist das der Alltag. Und das müssen wir ändern. Da gibt es auch Hoffnung, erzähle ich nachher noch einen Satz. So, wenn ich das jetzt mal zusammenfasse, können wir feststellen, Instandsetzungen sind technisch komplex, versagen aber bereits häufig wieder nach wenigen Jahren. Eine Sanierung korrekt durchzuführen ist wesentlich schwieriger als neu zu bauen. Weil da kommen Chemie, Physik und Biologie noch dazu.
Instandsetzungen sind kostenintensiv, dass sie meist unter Betrieb erfolgen müssen. Der finanzielle Aufwand kam bis zum zwei- bis dreifachen der Herstellungskosten.
Warum? Wir müssen, und das sehen wir hier an dieser Brücke, dass die Hardbrücke in Zürich unter Betrieb sanieren. Und das macht die Sache teuer. Und die Hardbrücke ist 1,3 Kilometer lang im Zentrum von Zürich. Und die Sanierung hat 100 Millionen Schweizer Franken gekostet. Das heißt, dieser Schritt kostete 90.000 Franken.
Das ist verrückt, oder? Ja, jetzt können wir wieder gesparen. Und das Dritte ist, und das ist für uns eben das Zentrale, was nachhaltiges Bauen angeht, Umweltbelastung, der Instandsetzung, können das zwei- bis dreifache der Belastung betragen, wie die Herstellung des ganzen Bauwerks. Und jetzt kommen wir genau in diese Diskussion hinein, die wir vorhin so ein bisschen bekommen haben. Was ist nachhaltiges Bauen?
37:12Dauerhaft ist ökologisch
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Nachhaltiges Bauen ist die Auswahl eines Werkstoffes, der über die gesamte Lebensdauer, die geplant ist, tatsächlich auch seine Aufgabe erfüllt. Denn wenn ich jetzt zum Beispiel ein Beton durch Holz ersetze und ich muss das ganze Holz alle drei Jahre ersetzen, weil es diesen Ansprüchen nicht gerecht wird, die jetzt aus der Nutzung sich ergeben, ja, dann bin ich ökologisch in einer absoluten Katastrophe drin. Und das bedeutet, dass wir eben nicht hinkommen dürfen, dass wir die Bauwerke und die Baustoffe nach den Herstellungsbelastungen, Belastungen charakterisieren, sondern über den gesamten Lebenszyklus rechnen müssen. Denn die klassischen Lebenszyklus oder Ökobilanzen sind gemacht worden für kurzlebige Produkte wie eine Plastiktüte. Aber das kann ich nicht eins zu eins übersetzen.
Da rutschen wir gerade in eine wirklich schwierige Diskussion rein. Denn wenn wir da einen Fehler machen, dann fällt uns das in fünf bis zehn Jahren, maximal in 20 Jahren, doppelt und dreifach auf die Füße. Und das sehen Sie jetzt zum Beispiel eben bei den Autobahnbrücken. Da sitzen wir in einer ganz bestimmten Klemme drin. Ich kann eine Autobahnbrücke nicht aus einem anderen Material machen wie Beton. Aber wenn er 100 Jahre funktioniert, bin ich ökologisch eigentlich gar nicht so schlecht dabei. Im Moment sind wir ziemlich in der Klemme. Ich habe da eine Zahl geschrieben, 400, 200, 100. Ich habe heute noch mit dem Leiter der Autobahndirektion Bayern Süd, heute Teil der Autobahn GmbH, telefoniert und habe ihn ein bisschen aufgezogen mit den drei Zahlen. Denn 200 war die erwartete Zahl an Brücken, die saniert werden müssen, wie die Autobahn GmbH, das von den Ländern übernommen hat.
Dann haben die das überprüft und haben festgestellt, es sind Wirklichkeit 400. Und jetzt stand eben in einem Handelsblatt drin, mehr als 100 kriegen sie pro Jahr nicht saniert. Das heißt, diese Differenz bedeutet, dass sie praktisch in Karlsruhe keine Brücke mehr haben, die dann nicht gesperrt ist, wenn man das wirklich dann vom Kopf her weiterentwickelt. Das wird noch lustig, aber zeigt eben deutlich, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinander geht. Deshalb, die Materialauswahl ist entscheidend für diese nachhaltigen Bauwerke. Und da gilt ganz einfach, dauerhaft ist ökologisch. Denn wenn ich über einen Lebenszyklus praktisch meine CO2-Abschreibung mache, dann sieht das ganz anders aus. Und das macht man heute eben.
Ich gebe jetzt ein bisschen Gas, Tina. Danke. Sie hat aber schon damit insgeheim gerechnet. Das würde mich jetzt sehr überraschen, wenn sie da nicht mit gerechnet hätte. Die globale Bauwirtschaft wird bis 2060 230 Milliarden Quadratmeter Neubau machen. Das ist eine Zahl, kann man sich nicht vorstellen. Die haben das heute mal versucht dazu. Jeden Monat wird dann die Fläche von New York neu gebaut weltweit. Also die Diskussionen, die wir in Deutschland führen, ja wir wollen nicht mehr da Flächen versiegeln und dies und jenes, das ist eine Diskussion, die führen wir ehrlich gesagt nur in Deutschland.
In den anderen Flächen geht es darum, die Bedürfnisse der Menschen dort zu empfehlen. Wir haben aber in den letzten, sagen wir mal, drei, vier Jahren einen gedanklich wichtigen Fortschritt gemacht. Und zwar, dass wir uns langsam lösen von diesem Produktbetrachtung, von diesen Ökobilanzierungen für die Produkte und kommen hin zu einem Begriff, den wir als Embodied Carbon bezeichnen. Embodied Carbon bedeutet in diesem Zusammenhang, dass wir hier jetzt einfach mal rechnen, was wir in einem Kubikmeter Beton an Energie reingesteckt haben und wie viel CO2 wir freigesetzt haben. Und jetzt macht es einen Unterschied, ob das Ganze jetzt nach zehn Jahren praktisch kaputt ist und wieder neu gemacht werden muss oder nach 100 Jahren. Da haben wir natürlich pro Jahr einen ganz anderen Anteil, den wir dazu beitragen. Und das verändert im Moment die gesamte Denkweise.
Und wissen Sie, Sie sind sogar in einer Stadt, wo die Denkweise schon verändert wurde. Ich hatte vor kurzem ein Telefonat mit dem Chef der Volkswohnung. Und die Volkswohnung möchte jetzt Folgendes tun. Sie möchten jetzt das Bauwerk, die Wohnung nur noch abreißen, wenn es nicht ganz anders geht, sondern modernisieren, wo es technisch möglich ist, verstärken und dann die drei Geschosse noch drauf, die wir brauchen, um mehr Wohnungen zu bekommen. Das ist auf Basis dieser Gedanken. Und das ist ein großer Fortschritt. Die Stadt Zürich hat sich auch dazu entschieden und da kommen sicherlich mehr noch nach. Auch beim Neubau gibt es jetzt schon aus den Kommunen die Frage, welche Werkstoffe sollen wir nehmen, damit wir in unserem Bauwerk möglichst wenig embodied CO2 oder Energy haben.
Das heißt, das verändert auch, ich bin ja in der Ausbildung dabei von Bauingenieuren, das verändert auch in Zukunft das Berufsbild der Ingenieure und der Architekten und zwar nicht wenig. Wir unterscheiden da eben zwischen diesem Embodied Carbon und das ist das, wo wir in Deutschland praktisch ausschließlich darüber diskutieren, wie können wir noch eine Zentimeter dickere WDVS-Platte an die Fassade klemmen. Das ist eine völlig falsche Diskussion, die ist auch lobbybedingt. Die Industrie hat ein Lobby aufgebracht, weil wenn Sie in den Rest Europas schauen, ist in vielen Bereichen eine Anwendung dieser Platten verboten, was bei uns ja eigentlich gang und gäbe ist.
Und wenn wir uns die Entwicklung jetzt mal anschauen, dann sehen Sie auch über die nächsten Jahrzehnte, dass dieser Anteil, der jetzt im Prinzip aus dem Bereich embodied kommt, durch die Materialien und das Bauen, praktisch dominiert im Vergleich zu diesen durch die Nutzung bedingten Freisetzungen. Da brauchen wir eine Mindset, dass wir eben diese Dauerhaftigkeit sehr viel stärker dort reinnehmen. Das ist die Skizze von dieser The Line in Saudi-Arabien.
43:22Nachhaltige Infrastruktur für eine nachhaltige Welt
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
Damit komme ich jetzt zu den letzten paar Folien. Was bringt die Zukunft für die Infrastruktur? Das eine, und das klingt vielleicht jetzt überraschend, aber wir brauchen eine nachhaltige Infrastruktur für eine nachhaltige Welt. Und wenn man sich jetzt hier mal die Nachhaltigkeitsziele anschaut, wundert man sich ja, was hat da Baum, wo finden wir das? Wir finden es an vielen Stellen. Klares Wasser oder sauberes Wasser und Sanitär ist nur mit Infrastruktur möglich.
Energie, die kommt nicht aus der Steckdose, hat man mir sagen, habe ich mir sagen lassen. Auch da brauchen wir entsprechende Infrastruktur. Was ich besonders lustig finde, Industrie, Innovation und Infrastruktur hat man hier in einem Punkt zusammengefasst. Genial gemacht, das passt. Und Sustainable Cities and Communities, auch das ist nicht ohne Infrastruktur möglich. Das heißt also, nachhaltig, auch für die Menschen in Afrika oder in anderen Teilen dieser Welt, wo es noch nicht so gut läuft, können wir den größten Gefallen tun, indem wir in eine nachhaltige Infrastruktur entwickeln. Die ersten afrikanischen Staaten zahlen gerade einen hohen Preis für die Abhängigkeit, die sich in diesem Kontext mit China dann bewegt haben.
Und das sind die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, der Klimawand, Ressourcenverknappung, Megacities, Globalisierung, Digitalisierung. Sand, da reden wir immer aus den anderen Ländern im Rest der Welt, die Sandmafia, die wir dort haben, aber auch in Deutschland gibt es keine Sandvorkommen mehr, um gute Beton herzustellen, das wird immer ansprechender. Die Anforderungen zum Beispiel beim Autobahn sind so hoch, dass der Sand zum Teil über 300 Kilometer transportiert werden muss, weil es in einer unmittelbaren Umgebung der Baustelle keinen Sand gibt. Da kann man nicht von Nachhaltigkeit reden oder umweltangepasst.
Unsere Idee jetzt hier, was wir machen wollen, ich habe es schon mal angedeutet, entlang des Lebenszyklus, letztendlich alles zu tun, um das Bauwerk gesund zu halten. Der strategische Ansatz ist eigentlich die Verlängerung der tatsächlichen Lebensdauer auf die geplante Lebensdauer. Und das tun wir zum Beispiel in Malsch hier bei Karlsruhe, das tun wir in Leutkirch im Allgäu, das tun wir in Kornwestheim mit einem Brückenneubau und auch andere Städte und Gemeinden, sogar Landkreise haben sich mittlerweile gemeldet, die eben gern dieses Präventionskonzept in ihre tägliche Planung übernehmen wollen. Also, absehbare Entwicklung im Bauwissen, ich habe Ihnen schon gezeigt, wir werden in vielen Bereichen wieder zurückkommen in die Vergangenheit, wir werden Technologien aufgreifen, die man vor 2000 Jahren verwendet hat, das sieht schicker aus, da werden Sie auch tolle Artikel lesen, neueste Entwicklungen und so weiter, aber letztlich kommen wir eigentlich nur zu unseren Wurzeln zurück.
Und dafür danke ich und wenn Sie Interesse haben, da ein bisschen mehr drüber zu lernen, dann finden Sie das auf dieser Seite und wie gesagt, die Folien legen wir drauf und ich entschuldige mich nochmal bei der Kollegin, die jetzt drankommt, dass ich hier so viel gequasselt habe, aber ich muss ehrlich sagen, mit so vielen Zuhörern habe ich auch nicht gerechnet und habe mich hinreißen lassen. Also vielen Dank.
46:51Fragen aus dem Publikum
Christina BeckerModeration, KIT Innovation HUB
Vielen Dank, Andreas. Ich denke, das war eine sehr spannende Einführung und genau, wir freuen uns sehr auf Judith Milz, die noch einen künstlerischen Input gibt. Ich würde aber vorschlagen, dass wir den vielleicht 15 Minuten nach hinten... Er bleibt auch heute noch ein bisschen.
Ja, können Sie auch jetzt stellen.
Stimme aus dem Publikum
47:28Wie kann man denn den Lieferanten dazu finden, dass er sich auf den Medien kostengerecht verhält? Was ich jetzt nicht so ganz ausgehört habe, ist eigentlich auch Benchmarking mit anderen Ländern. Wie machen es zum Beispiel die Patiosen, wie machen die Italiener, wie machen es die Dänen, wie machen es die Schweden. Weil da finde ich einen ganz großen Unterschied.
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
47:56Ja, das ist das eine. Denke ich, warum die Autobahnen da so gut funktionieren, wir dürfen nicht vergessen, die sind privat praktisch gemanagt. Und wir haben ja auch in Deutschland solche Autobahnen, die PPP sind. Das heißt, ein Firmenkonsortium übernimmt das für 30 Jahre und muss es im gleichen Zustand wieder abgeben. Das Lustige an der ganzen Geschichte ist, dass wenn ich es dann nicht rechtzeitig zum guten Zustand abgebe, dann muss ich alles neu sanieren.
Die können sich eigentlich das nicht leisten zu sanieren, weil sie dann kein Geld mehr verdienen. So einfach ist das. Und hier zahlen wir es ja alle aus dem Steuertopf, da ist es dann nicht so entscheidend. Das ist ein zentraler Unterschied. Es haben sich aber auch Kulturen eingegliedert durch die europäischen Regelwerke, die ja für uns alle gelten. Und die Abweichungen sind gering möglich. Wir hatten zum Beispiel in der Schweiz, ich habe es ja schon erzählt, ich habe von 1991 bis 2001 an der ETH in Zürich gearbeitet. Und da hatten wir dann Büros, die wirklich darauf spezialisiert waren, nichts anderes als Qualitätskontrolle zu machen. Und beim Sanierungsprojekt haben die die Zustandsanalyse gemacht, vielleicht auch noch die Planung, aber definitiv nicht die Bauleitung.
Die kamen dann wieder zur Qualitätskontrolle. Und die wussten natürlich da, wo die Risiken sitzen und haben dort kontrolliert. Und wenn dann da was nicht gut gebaut wurde, dann wird das abgebrochen, fertig, auch wenn es 300.000 Euro gekostet hat. Da konnte man sich nicht darauf einigen, auf geringere Bezahlung oder ähnliches. Und das sind einige so Punkte, die bei uns fehlen. Ich sage es jetzt mal salopp, selbst bei der kleinen Hundehütte haben wir einen Bauphysiker am Tisch sitzen, um irgendwo dort das Klima zu rechnen. Aber ein Werkstoffexperten, ein Bauchemiker, der sitzt nie mit am Tisch. Da verlassen sich ausschließlich auf ihre Lieferanten. Die ziehen sich ja im Moment immer stärker aus der Beratung zurück wegen der gesamtplanerischen Haftung.
Die wollen da gar nichts mit zu tun haben. Vielleicht für die, die nicht ganz in der Branche drin sind. Wenn Sie so auf ein Merkblatt gucken, dann drehen Sie es um. Da steht, sobald die Ware unsere Rampe verlassen hat, haften wir für nichts mehr. Und auch nicht für die Applikation, die wir selber vorschlagen. Weil wir wissen ja nicht, ob sie das so machen und ob ihr Untergrund so passt. Die ziehen sich komplett aus der Haftung raus und aus der Beratung. Und da haben wir noch gar nichts in der Ausbildung der Ingenieure und der Architekten drin, das zu kompensieren. Das ist ein zentrales Problem. Wir müssen Qualität irgendwo tatsächlich als Faktor nehmen, der bezahlt werden muss. Genau wie der andere Kladderatatsch auch.
Stimme aus dem Publikum
51:06Es scheint so zu sein, dass die Entscheidungsträger nicht kompetent genug sind, um die Auswirkungen von ihren Entscheidungen vorauszusehen.
Ich denke, wir normale Menschen können nichts dafür tun.
Das heißt, das muss nicht so am Tisch bei der Entscheidungsfindung, muss dieses Problem so angesprochen werden und schon am Tisch gelöst werden. Das heißt, es muss ja nicht, wenn ich jetzt ein Angebot annehme, das so wenig wie möglich ist, und dann aber die Unterhaltungskosten oder die Risiken nicht so richtig abschätzen.
Andreas GerdesKIT Innovation HUB
51:56Das ist ganz einfach. Wir müssen umstellen von Erstellungskosten auf Lebenszykluskosten. Das ist ein Schritt, das ist ganz wichtig. Das heißt, Ausschreibungen über die Lebenszykluskosten zu machen, nicht länger über die Erstellungskosten. Weil dann bin ich daran interessiert, auch eben ein Material zu finden, was ein bisschen dauerhafter ist, vielleicht auch ein bisschen mehr kostet. Denn der teuflischste Satz, den wir haben, ist das Produkt A oder Vergleichbares. Und damit ist gemeint, dass beide die Zulassungsprüfung bestanden haben. Aber das ist so, wenn Sie einen Ferrari und einen Käfer vergleichen als Auto, die erreichen auch beide. Sie bekommen eine Zulassung, allgemeine Betriebserlaubnis, aber niemand von uns wird auf die Idee kommen, zu sagen, ja, die sind beide gleich.
Das ist das zweite Problem. Und das dritte, und das spüren wir jetzt, und da sind wir sehr optimistisch, wenn wir mit der lokalen, kommunalen Politik sprechen, verstehen die das sofort.
Ich habe jetzt mit vielen Bürgermeistern, mit vielen Gemeinderäten, Stadträten gesprochen. Sie kapieren sofort, wo da das Potenzial drin steht. Und da haben sie vollkommen recht. Wir haben häufig in den Gemeinden irgendwo so eine Distanz zwischen der Verwaltung und der Politik. Und die Verwaltung startet erst, wenn sie im Prinzip von der Politik das Signal bekommen, was Neues machen zu dürfen. Und deshalb müssen wir in die Informationen reingehen. Und deshalb haben wir auch die ganzen Gespräche umgestellt und diskutieren heute nur noch mit den Bürgermeistern, mit den Stadträten, mit den Gemeinderätinnen und so weiter, um genau dort anzusetzen. Und danach läuft das eigentlich elegant durch. Gut, aber wir können später nochmal, weil sonst überziehen wir wirklich zu danken.
Also nochmal vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.







