Gespräch · · 51:56
„Kreislauffähig“
Mitschnitt · 51:55 · 12 Kapitel
Kapitel 1 von 12Jede Person besitzt rund 490 Tonnen gebaute Umwelt
Jasmin Amann
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Jede Person besitzt rund 490 Tonnen gebaute Umwelt
Jasmin Amann0:00 / 51:55
Sprecher:innen
- Jasmin Amann · sprichtZirkular, BaselRedeanteil 67 %
- Stimme aus dem Publikum · sprichtRedeanteil 11 %
- Moderation · sprichtRedeanteil 9 %
Kurzfassung
Jasmin Amann vom Basler Fachplanungsbüro Zirkular zeigt, wie sich Bauteile aus Abrissgebäuden wiederverwenden lassen und warum das Bauwesen dafür einen Paradigmenwechsel braucht. An Projekten wie dem Kopfbau K118 in Winterthur, dem Kultur- und Gewerbehaus ELYS in Basel und einem Entwurfssemester am KIT erklärt sie Bauteiljagd und urbane Mine. Im Gespräch mit dem Publikum geht es um Lagerflächen, Kosten und CO2-Preise.
Transkript
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0:00Jede Person besitzt rund 490 Tonnen gebaute Umwelt
Moderation
Super, danke Haram. Also nach dem ganz tollen Vortrag eben über menschliche und nichtmenschliche Akteure machen wir jetzt eigentlich genau damit auch wieder weiter mit menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren. Nur wechseln wir jetzt, wie eben schon angesprochen, aus diesem eher Natur-, Kulturraum mehr in die gebaute Umwelt rein. Aber trotzdem gibt es unglaublich viele Parallelen, die ich jetzt mal mitnehmen möchte oder ich hatte mir ein bisschen was aufgeschrieben. Es gibt nämlich auch in unserer gebauten Umwelt, so wie wir unsere Städte bauen, wie wir mit unseren Materialien umgeben, eine fast unüberschaubare Anzahl an Akteur:innen dabei. Und es ist eine fast erschlagende Aufgabe, wie wir damit umgehen sollen, weil es ist unglaublich viel Material im Umlauf.
Ich habe gerade schon mit Jasmin gesprochen, ein paar Zahlen kommen von ihr auch gleich noch. 50% von dem gesamten Materialverbrauch in der EU liegen allein im Bauwesen drin.
Einfach mal als Hintergrund mitnehmen, welche Verantwortung im Bauwesen, in unserer Architektur, wie wir unsere gebaute Umwelt gestalten, darin liegt, wie wir die Umwelt auch extrahieren, wie wir die Rohstoffe abbauen und dann verbrauchen. Und ich habe es mal grob überschlagen, so auf jeden und jede von euch kommen etwa 490 Tonnen Material, die ihr besitzt an gebauter Umwelt, an Infrastruktur, an Hochbau, an Parkplätzen, allem, was dazu gehört. Und das ist einfach eine unwahrscheinlich große Menge und wenn wir unsere Architektur in die Zukunft tragen wollen, dann ist es wichtig, dass wir uns überlegen, wie wollen wir in Zukunft damit umgehen, weil nochmal können wir nicht so viele Rohstoffe entnehmen, um es neu zu bauen.
Und ich bin unglaublich froh, dass dann heute Jasmin hier da ist, Jasmin Amann von Zirkular aus der Schweiz, ist ein Büro mit ganz tollen Ansätzen, wie man das Bauwesen, wie man Architektur in eine Kreislaufwirtschaft überführen kann, der Name deutet es ja schon an, Zirkular und Jasmin war mit dabei in dem Team, das die Sto-Gastprofessur für Kreislauffähiges Bauen am KIT letztes Jahr mit begleitet hat. Und ich freue mich unglaublich, dass du da bist und auf deinen Vortrag. Dankeschön.
2:27Jasmin Amann stellt Zirkular vor
Jasmin AmannZirkular, Basel
Ja, vielen Dank. Danke für die kleine Einführung. Du hast eigentlich schon total viel gesagt. Ja, herzlich willkommen. Ich freue mich sehr, heute hier zu sein. Danke für die Einladung. Ich bin Jasmin Amann. Ich arbeite bei der Firma Zirkular in Basel. Wir sind hervorgegangen aus dem Architekturbüro, Baubüro in situ. Ich erzähle auch gleich noch mehr dazu.
Ich freue mich, euch heute einen Einblick zu geben in das zirkuläre Bauen, wie man kreislauffähig baut, Bauteile wiederverwendet. Wir sind eine Fachplanung für die Wiederverwendung, für den Wiedereinsatz von gebrauchten Baumaterial.
Und euch zu zeigen, was wir auch für Entscheidungen treffen können, was wir für Hebel haben, um in der Klimakrise, um der entscheidend entgegenzuwirken. Bevor ich noch genau zeige, was wir machen, kommt eine kleine Einführung.
Krise hat positive Effekte, aber wir werden zuerst arbeiten, was relevant für unsere Gesellschaft ist. Wir können nicht einfach mit Business as usual weitergehen.
3:44Der Bausektor verursacht fast die Hälfte des Mülls
Jasmin AmannZirkular, Basel
Der Bausektor ist für erhebliche Mengen an Abfall verantwortlich. Er verantwortet knapp die Hälfte des gesamten Müllaufkommens.
Jährlich werden in Deutschland an die 14.000 ganze Gebäude abgerissen. Das ist nur die bestätigte Zahl.
Dem gegenübergestellt werden jährlich 130.000 neue Gebäude errichtet.
Baustoffe im Sinne von Recycling zu verwerten, kann natürlich bei Ressourcenknappheit und erhöhtem Deponievolumen in gewissem Maße zwar gegensteuern, einem fundamentalen Problem unserer Bauwirtschaft begegnen wir aber dadurch nicht, nämlich dem massiven Energieverbrauch und Ausstoß von Treibhausgasen beim Herstellen oder eben auch beim Recyceln neuer Bauteile. Im Kampf gegen die Klimakrise und für das Erreichen der Klimaziele nehmen also Gebäude eine sehr zentrale und entscheidende Rolle ein. Die Erstellung und Betreibung von Gebäuden verursachen etwa 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes.
Der Flächenverbrauch in Deutschland beträgt 52 Hektar täglich, davon von 14,4 Prozent Siedlungs- und Verkehrsfläche sind bereits 45 Prozent versiegelt, das heißt asphaltiert, betoniert oder sonstig befestigt. Das heißt Biodiversität und Bodenvielfalt gehen dadurch verloren, die Überhitzung in Städten nimmt zu und diese Funktionen können nicht so zurückgebracht werden.
100 Fußballfelder, das ist so groß ist die Fläche, die in Deutschland täglich für den Abbau in Rohstoffen im Tagebau unter den Bagger kommt.
Seit Jahrzehnten betreiben wir Raubbau an natürlichen Materialvorkommen und so unwahrscheinlich es klingt, Sand ist zur Mangelware geworden.
Ausgesprochen schädlich für das Klima ist außerdem der Einsatz des Baustoffs Beton, der sehr beliebt ist, da er erhebliche Mengen an Sand und Kies erfordert und eben sein Bindemittel Zement ist für 8% der weltweiten Treibhausgase verantwortlich.
Uns ist bewusst, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck radikal überschritten haben auf Kosten von anderen Regionen der Welt. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist klar, was für drastische Konsequenzen eine Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze hat.
An den allgemeinen Gesprächen werden oft der Flugverkehr, das Autofahren und der Fleischkonsum usw. thematisiert, nicht so häufig aber das Bauen.
6:30Früher galt Bestand als wertvolle Ressource
Jasmin AmannZirkular, Basel
Bestehende Gebäude und Materialien hatten historischen Wert und galten als wertvolle Ressource. Vom Kolosseum in Rom bis hin zur Kirche in Ronchamp von Le Corbusier gibt es zahllose Beispiele dafür. Selbst wenn die Gebäude nicht mehr zu nutzen waren früher, wurden die Materialien eben in anderen Gebäuden wiederverwendet, oft natürlich aus der Not heraus.
Mit der Industrialisierung wurden Materialien und sogar ganze Gebäude zur Einwegware. Nach einem einmaligen Nutzungskonzept wurden sie wertlos zu Abfall. Wir haben es gerade gehört, wie viel auf dem Müll landet. Und eben jetzt ist an der Zeit, dass sich wieder was ändert, denn uns ist bewusst, wie enorm der Fußabdruck des Bauwesens ist. Die Herstellungsverfahren der momentan gängigen Materialien, auf denen das heutige Bauwesen basiert, sind eben nicht mit dem Erreichen von Klimazielen kompatibel. Mit anderen Worten, es ist keine Lösung in Sicht, die uns irgendwie ermöglicht, mit den heutigen Baustoffen in gleicher Weise wie bisher weiterzubauen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen.
Die Klimakrise erfordert also ein Umdenken, einen Paradigmenwechsel im Bauwesen von uns allen.
Ein sehr großer Hebel, um den Fußabdruck im Bauwesen zu verringern, liegt also im Weiternutzen von Bestehenden. Die Verlängerung der Lebensdauer von Materialien und Bauteilen und aber vor allem von ganzen Gebäuden und Quartieren und Arealen kommt eine Sofortmaßnahme im Klimaschutz gleich. Nicht nur ganze Gebäude, sondern auch viele Baumaterialien haben eine zweite Chance verdient. Aus Material, das an einem Ort nicht mehr gebraucht wird, entsteht anderswo Neues. Dieser Kreislauf an Materialien spart Energie sowie Ressourcen und würdigt die Schönheit des Vorhandenen. Das sagt Kerstin Müller, unsere Geschäftsführerin von Zirkular. Und dieser Satz beschreibt eigentlich ganz schön unsere Philosophie.
8:36Vom Baubüro in situ zur Fachplanung Zirkular
Jasmin AmannZirkular, Basel
Die Firma Zirkular, die gibt es seit 2020. Und ich habe es vorhin schon gesagt, wir sind hervorgegangen aus dem Baubüro in situ, ein Architekturbüro.
In situ wurde vor rund 20 Jahren gegründet und konzentriert sich auf das nachhaltige Bauen. Bestehende Gebäude und Areal werden mit so wenig Eingriffen wie möglich umgebaut und umgenutzt. Es wird so viel erhalten wie geht.
Es gilt der maximale Erhalt von Bestehendem, was erhalten werden kann und noch gut ist, was noch dient, bleibt. Im besten Fall eben, ich habe es schon ein paar Mal gesagt, der Erhalt von ganzen Arealen, Quartieren und eben Gebäuden.
Nachverdichten erhöht die Ausnutzung und Rentabilität. Lücken können geschickt gefüllt werden und Spielraum genutzt werden. Zum Beispiel, wenn man bestehende Gebäude aufstockt innerhalb der Stadt.
Material vor Ort wird erhalten.
Was wird vor Ort rückgebaut, wenn es einen Umbau gibt zum Beispiel und was kann dann wieder verwendet werden vor Ort.
Im nächsten Schritt kommt dann die Suche nach Material, wenn etwas fehlt.
Und zuletzt wird dann die Idee an das gefundene Material angepasst und befindet sich im Wechselspiel, dazu nachher auch noch mehr.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich das Baubüro in situ vermehrt mit dem zirkulären Bauen, mit dem kreislauffähigen Bauen, also mit der Wiederverwendung von einzelnen Bauteilen. Und so wurde alle Erfahrung und alles Wissen in diesem so unerforschten Gebiet eigentlich gebündelt, gesammelt und dann 2020 die Firma Zirkular gegründet. Als Fachplanung für Wiederverwendung unterstützen wir Akteurinnen und Akteure in den Bereichen Architektur, Projektentwicklung, Immobilien und Planung. Wir begleiten diese bei zirkulären Bauvorhaben, bei Wettbewerben, wo es dann um die Suche und um den Wiedereinsatz von gebrauchten Bauteilen geht.
Auslöser für die Gründung waren zum einen die Notwendigkeit in dem noch so unerschlossenen Gebiet, zum anderen aber auch die hohe Nachfrage von extern nach eben diesen zirkulären Bauvorhaben, auch im Wettbewerb.
Beim Wiedereinsatz von Bauteilen von gebrauchten verändern sich die Prozesse, wie sie momentan im Bausektor ablaufen natürlich. Und das führt natürlich dazu, dass neue Berufe erfunden und eben auch geschaffen werden. Meine Bezeichnung zum Beispiel lautet Bauteiljägerin und Expertin für Wiederverwendung, das steht dann auch auf dieser Visitenkarte. Wir sind Fachplanerinnen und Fachplaner für Kreislaufwirtschaft, zum Teil aus der Architektur, aus der Bauversicht, im Bauingenieurwesen. Und wir untersuchen eben die architektonischen Projekte auf ihr Wiederverwendungspotenzial. Wir arbeiten Methoden, Strategien, Prozesse sowie kreislauffähige Konstruktionen. Ein Vorteil vom Bauen mit wiederverwendetem Material liegt natürlich auch in der lokalen Wertschöpfung.
Bauelemente nachzurüsten oder zu reparieren, das geschieht meist vor Ort oder in der Region. Arbeitsplätze werden dafür benötigt, Ressourcen und Klima werden geschont. Aus sozialer Sicht kann die Wiederverwendung eine saubere Lieferkette aufweisen, was im internationalen Handel häufig ja leider nicht so der Fall ist. Wir haben mittlerweile ein ziemlich großes Netzwerk, durch das wir Rückbauobjekte, also Gebäude, die abgerissen werden, in der Umgebung ausfindig machen und diese dann je nachdem auf geeignete Bauteile untersuchen.
12:22Die gebaute Umwelt als urbane Mine
Jasmin AmannZirkular, Basel
Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wird unsere gebaute Umwelt als Rohstofflager begriffen, als eine von Menschen geschaffene städtische oder urbane Mine. Die urbane Mine definiert das lokale Material, was vor Ort zur Verfügung steht. Und hier ist es ganz wichtig zu differenzieren, denn für die Wiederverwendung ist nur verfügbar, was qualitativ hochwertig ist und überhaupt rückgebaut werden kann.
Ein sehr wichtiges und positives Beispiel für den Erhalt von ganzen Gebäudestrukturen ist das Gundeldinger Feld in Basel. Da ist auch unser Büro und eben für dessen Erhalt und Umbau von diesem Gundeldinger Feld hat sich das Baubüro in situ damals sehr eingesetzt. Die Transformation des ehemaligen Maschinenfabrikareals zum lebendigen Quartierszentrum ist heute eben für die Lebensqualität von unschätzbarem Wert.
Hier sehen wir also nochmal zusammengefasst, die höchste Wirkkraft, und das ist sehr wichtig, hat eben die Weiternutzung im ganz großen Maßstab, sprich Transformation ganzer Quartiere statt deren Abriss. Im nächsten Schritt kommt dann die Verlängerung der Lebensdauer von Gebäuden und erst nachrangig kommt dann die Wiederverwendung von einzelnen Bauteilen zum Tragen.
Grundsätzlich gilt Reduce, Reuse, Recycle und hier sehen wir jetzt bei dem grauen Luftballon am Bestandsgebäude, der zeigt symbolisch die Treibhausgase, die in ihm gespeichert sind in diesem Gebäude. Diese Emissionen sind bei der Erstellung vom Gebäude angefallen und wirken seitdem in der Atmosphäre. Die Treibhausgase sind einen Nutzen für die Menschen gebunden, denn die wohnen ja in diesem Gebäude. Und somit haben die Emissionen einen langfristigen Gegenwert, kann man sagen, anders zum Beispiel als der kurzfristige Wert, der entsteht, wenn wir mit fossilen Energien heizen. Der Bestandserhalt von Gebäuden ist also sinnvoll, da die emittierten Emissionen durch einen Gegenwert verkörpert sind.
Das Bild in der Mitte zeigt die Wiederverwendung. Können wir das Gebäude als Ganzes nicht mehr erhalten, sollten wir die einzelnen Bauteile zumindest wiederverwenden und die im Bauteil gespeicherten Emissionen bleiben so erhalten. Der kleine rote Luftballon, der zeigt hier symbolisch, dass bei den Prozessen der Wiederverwendung natürlich auch neue Emissionen freigesetzt werden. Die sind aber super, super, super gering, also sprich für Rückbau, Reparatur, Transport, Wiedereinsatz.
Und rechts sehen wir dann eben noch das Recycling, hier wird das Produkt und eben die Form aufgelöst, das Baumaterial wird dann zerkleinert, in dem Fall jetzt der Beton und dann das Kiesersatz zum Recyclingbeton zugemischt. Der graue Ballon ist in dem Fall dann nicht mehr gebunden an den Nutzen und bei der Herstellung der neuen Formgestalt, hier jetzt als Zwischendecke zum Beispiel, werden erneut Emissionen freigesetzt, symbolisiert durch den großen roten Luftballon. Ja, ich stelle euch jetzt anhand von zwei Projekten vom Baubüro in situ und zirkular vor, wie kreislauffähiges Bauen in der Praxis aussehen kann. Bei allen zwei Projekten bildete das Weiterbauen am Bestand die Grundlage und die hinzugefügten Elemente wurden vorwiegend aus wiederverwendeten Baumaterialien und Sekundärmaterial erstellt.
16:11Kopfbau K118: 70 Prozent wiederverwendete Bauteile
Jasmin AmannZirkular, Basel
Ich fange an mit dem Kopfbau K118.
Auf dem Lagerplatz in Winterthur sollte eine bestehende Lagerhalle umgebaut und aufgestockt werden. Unten sieht man die Halle, oben die Aufstockung. Ziel war es, möglichst viele Bauteile aus lokalen Rückbauobjekten einzusetzen. Der Planungsprozess kehrt sich dabei um, denn der beginnt bei der Materialsammlung und verändert sich im voranschreitenden Prozess immer wieder von neuem. Das Tragwerk der Aufstockung besteht aus Stahlträgern von einem Rückbauobjekt in Basel, das noch keine 20 Jahre Lebenszeit aufwies. Das ist so ein ehemaliges Coop-Verteilerzentrum gewesen. Auf dem Foto sieht man jetzt ganz schön den fachgerechten Rückbau, also nicht irgendwie mit Kran, Bagger, sondern wirklich der fachgerechte Rückbau.
Genau so und so sieht es jetzt aus, also beim Bau wurde wieder eingesetzt in Winterthur.
Der Zugang zur Aufstockung erfolgt heute über eine außenliegende Stahltreppe, sieht man hier, die stammt aus einem ehemaligen Bürogebäude in Zürich, wurde in dem Moment rückgebaut und dann gelagert und im K118 als Außentreppe wieder eingesetzt. Auch wurden Fenster aus Zürich wiederverwendet, zum größten Teil Aluminium-Isolierfenster und eben Trapezblech aus Winterthur, das wurde als Fassadenverkleidung eingesetzt und das lässt heute eben das Gebäude in einem satten Orange-Rot erstrahlen.
In dem Fall wurde die Fassade wie auch die Treppe und die Fenster direkt wieder eingesetzt, das heißt die Bauteile werden zum ursprünglichen Zweck wieder eingesetzt und nicht zweckentfremde zum Beispiel.
Hier sieht man jetzt ein Mockup, wie die Fassade aufgebaut ist, das war damals in Säme ausgestellt in Basel.
Die Granitplatten aus Zürich, die wurden nicht zum ursprünglichen Zweck wieder eingesetzt als Fassadenelement, sondern eben als Innenverkleidung im Toilettenraum, was ein bisschen verwunderlich wirken könnte. Das ist manchmal so die Überraschung beim Wiederverwenden, weil wird man so neu nicht machen aus Kostengründen, aber wenn man sie ja eh hat, dann why not.
Eher erforderliche Ergänzungen, die erfolgten dann mit Materialien mit einem geringen ökologischen Fußabdruck, also zum Beispiel hier Stroh, Lehm und Holz.
Die natürlichen Materialien sorgen so für ein ausgezeichnetes Raumklima. Und rechts sieht man jetzt eigentlich ganz schön auch die wieder eingesetzten Fenster vom Foto vorhin. In dem Fall wurde das Fenster als Kastenfenster konzipiert, es ist so hintereinander geschaltet. Das ist einfach aus dem Grund, dass man die Normen erfüllt. Wenn man zum Beispiel zweimal eine Zweifachverglasung hat und sie hintereinander schaltet, hat man sogar eine Vierfachverglasung.
Auch hier nochmal, auch das hintereinander geschaltete.
Der Kopfbau K118 bietet heute Räume für Büros, Ateliers und Werkräume, die sich geschossweise eine Gemeinschaftsküche teilen.
Das K118 besteht zu 70% aus wiederverwendeten Bauteilen, was eine Einsparung von über 50% an CO2-Emissionen mit sich bringt. Und eben diese Einsparung entspricht dem Betrieb von einem Gebäude für 60 Jahre. Das belegen eben die Ökobilanzen des Projekts und können nachgelesen werden im Buch Bauteile wiederverwenden, denn das Projekt wurde parallel wissenschaftlich begleitet.
20:27ELYS in Basel: eine Fassade aus 200 Lagerfenstern
Jasmin AmannZirkular, Basel
Dann stelle ich euch noch vor, das heutige Kultur- und Gewerbehaus ELYS in Basel. Das ist aus einer Umnutzung von einem ehemaligen Coop-Verteilerzentrum hervorgegangen. Und ursprünglich als reiner Zweckbau konzipiert, wies das Gebäude auf den ersten Blick jetzt keine Besonderheiten auf. Und durch einen Teil Rückbau, das sieht man hier in gelb, aus städtebaulichen Gründen, entstand dann eine Fassade, die man neu gestalten musste.
Hier ist die Schneise, wo entstanden ist. Rechts eben diese freigelegte Fassade, die man neu gestalten musste. Und eben dieses Fassadenkonzept bestand darin, möglichst viele Fensterformate aufnehmen zu können, möglichst viele unterschiedliche Fensterformate, sieht man gleich warum. Aus diesem Grund wurde dazu eine Holzrahmenkonstruktion gewählt, ähnlich wie beim K118.
Und dazu wurden Fetten, Sparren und Leimbinder von teilslokalen Rückbauten gesammelt und dann in der Sägerei weiterverarbeitet.
Die Fenster mit den unterschiedlichen Formaten, die stammen von Schweizer Fensterproduzenten aus der Umgebung, die nach sogenannten Lagerfenstern angefragt wurden. Und so wurden 200 komplett neuwertige Fenster gesammelt, die mal in der falschen Farbe auf die Baustelle kamen oder in der falschen Dimension und sind dann eben wieder zum Werk zurück, also zum Fensterproduzieren und so und lagern da in den, wenn es sie gibt, Lagerräumen. Und logischerweise werden diese Lagerfenster normalerweise kurzfristig aus Platzgründen entsorgt. Hier sieht man ganz schön oben rechts, in welchem Umkreis man gesucht hat. Oben links die Lagerungen, unten ein Ausschnitt der 200 Fenster.
Die Kammern der Holzrahmen, die wurden mit Restposte von Steinwolldämmung oder von Abschnitten von neuem Material aufgefüllt. Diese Reste wurden auf Baustellen gesammelt.
So sah das Ganze dann aus im Werk mit den verschiedenen Fenstern, mit der Steinwolldämmung und eben der große Holzrahmen.
Um die physikalischen Anforderungen zu erfüllen und zu erreichen, wurden so verbleibende Hohlräume mit Steinwollgranulat aufgefüllt.
So sah das dann aus beim Einbau.
Die bestehenden grünen Trapezbleche wurden beim Rückbau, bei den Dachaufkommen vor Ort demontiert und dann später ein Geschoss drunter an der neuen Außenfassade, Außenwand, wieder eingesetzt.
So ergibt sich die vertikale Gliederung der neuen Fassade, die die unterschiedlichen Fensterformate auch so ein bisschen einrahmt. Neben den Trapezblechen prägen eben die Fenster unterschiedlich in Form und Farbe und Dimension das lebhafte Fassadenbild.
Hier sieht man jetzt auch noch ganz schön den Innenhof. Der hat nicht diese Trapezbleche, das ist eher so der weiche Kern.
Der Innenhof ist so entstanden, da das Gebäude eine sehr hohe Gebäudetiefe aufweist. Und damit man eben diese ganzen Räume belichten und belüften kann, wurde ein Teil vom Gebäudeinneren weggeschnitten und so ist dieser Innenhof entstanden. Das war eben das Prinzip, dass man starre, feste Elemente, die nicht veränderbar sind, in dem Fall die Fenster, mit weichem, flexiblem Material, in dem Fall der Holzrahmen, der darauf reagiert, umgibt und kombiniert.
24:24Ein Pavillon nur aus Bauteilen der Umgebung
Jasmin AmannZirkular, Basel
Jetzt zeige ich euch noch den Basel-Pavillon in Basel.
Das ist so gestanden, um Ideen für neue und klimagerechte Architektur zu finden, wurde im Sommer 2021 von der Architekturwoche Basel aus ein internationaler Open Call ausgeschrieben.
Da wurden 181 Entwürfe eingereicht, davon 14 Teams für den Wettbewerb nominiert.
Grundlage für diesen Wettbewerb waren ausschließlich Bauteile aus Rückbauten der Umgebung und die haben eben wir von Zirkular gesucht und dann in diesen Online-Bauteilkatalog übertragen. Das heißt, wir haben da nicht mitgemacht in der Architektur, sondern wir waren die Fachplanung für die Bauteilsuche und für diesen Bauteilkatalog.
Alle 14 Entwürfe der 14 nominierten Teams wurden also auf Basis von diesem Bauteilkatalog ausgebrauchten Bauteil entwickelt, also 100% Wiederverwendung.
Anfang Dezember wurde dann der Siegerpavillon von Isla Architects ausgewählt und der Pavillon wurde zum Start der Architekturwoche Basel dieses Jahr im Mai im Dreispitz eröffnet und bietet Raum für öffentliche Veranstaltungen.
25:47Studierende am KIT entwerfen aus einer Karlsruher Schule
Jasmin AmannZirkular, Basel
Ja, Häuser gehören nicht auf den Müll.
Auch das war das Motto von, du hast es schon ganz schön gesagt, von unserem vergangenen Entwurfssemester Construct Better an der Architekturfakultät vom KIT hier in Karlsruhe, denn unsere Geschäftsführerin Kerstin Müller leitet zusammen mit dem Oliver Seidel vom Baubüro in situ eine Gastprofessur, gestiftet von der Sto-Stiftung.
Ja, neben unserer Gastprofessur gibt es noch zwei weitere, und wir alle wirken uns eben der Frage, wie wir in Zeiten von Klimakrise und Ressourcenverknappung verantwortungsvoll im Bauwesen agieren können.
Unser Entwurfsgrundstück liegt in Karlsruhe, und zwar plant die Stadt einen neuen Betriebshof in Krötzing. 2027 soll Baubeginn sein.
Dem wird in den kommenden drei Jahren unter anderem die Anne-Frank-Schule in Oberreut abgebrochen. Und dann war eben Abstimmung mit der Stadt, die Aufgabe klar. Die Anne-Frank-Schule mit ihren Bauteilen dient als urbane Mine und somit als Basis für den Entwurf vom Betriebshof.
Wir waren dann mit unserem Kurs, also ein paar Studierende sind auch da, waren wir vor Ort und haben dann eine Bauteiljagd durchgespielt, wo eben die Studierenden alle Bauteile aufgenommen haben, fotografiert, gezeichnet und dann im letzten Schritt in einen Bauteilkatalog übertragen.
Dann war quasi der Rahmen für den Entwurf gesetzt, der setzt sich zusammen aus diesen Bauteilen.
Wir haben uns natürlich dann auch mit dem Grundstück vom Betriebshof auseinandergesetzt, waren dort vor Ort, haben den Input gekriegt vom Betriebshof, wieso die Abläufe sind und so und eben auch von der Stadt Karlsruhe zum Vorhaben, zum Raumprogramm und so weiter.
Im ersten Schritt haben sich dann die Studierenden in Form von Collagen erst mal mit den Rückbauteilen auseinandergesetzt, Schwerpunkte gesetzt und eben erste Haltungen entwickelt.
Und parallel ging es in diesem Semester darum, die Bauteile zu porträtieren und ihren Lebenszyklus zu verstehen. Also wo kommt das Bauteil her, wo kommt der Rohstoff her, was passiert mit ihm, wo wird es deponiert und so weiter.
Ja, am Ende sind dann sehr neun sehr spannende und komplett verschiedene Projekte entstanden. Und alle Projekte zeigen zukunftsfähige Lösungsvorschläge, wie wir künftig eben Werte bewahren und Ressourcen schonen können. Die städtische Leiterin vom Karlsruher Hochbauamt, Frau Sick, sie hat sich die Zeit genommen und eben die Schlusspräsentation von den Studierenden verfolgt. Tatsächlich wurden vier Stück ausgewählt und bald der Stadt vorgestellt, was uns sehr gefreut hat. Einige Arbeiten sind hier ausgestellt und da haben die anderen sicher auch Lust, nachher ein bisschen was darüber zu erzählen, wer Lust hat.
Ein wichtiger Teil vom Semester war auch ein Rückbau-Workshop, wo wir selbst Hand anlegen konnten und eben Bauteile ausbauen durften. Dazu hat uns die Volkswohnung ein Gebäude der Nachkriegszeit zur Verfügung gestellt.
Die Übung war gar nicht so leicht, denn viele Bauteile konnten gar nicht ausgebaut werden, sehr erschwert oder eben nicht zerstörungsfrei. Und das hat uns eben auch nochmal verdeutlicht, dass wir die gängigen Bauweisen, Konstruktionen dringend überdenken müssen. Es war auch so ein bisschen ernüchternd, aber auch eigentlich eine sehr, sehr wichtige Übung. Ja, wir müssen also künftig so bauen, dass Bauteile wieder für die nächste Generation zur Verfügung stehen. Das heißt, das, was wir jetzt in die urbane Mine einbringen, muss dann durch einen digitalen Gebäudepass abgelegt sein. Es muss rückbaubar sein, sodass wir spätere Generationen nicht das gleiche Problem haben.
Ja, abschließend kann ich sagen, bauen im Bestand und das Bauen mit wiederverwendeten Bauteilen Ressourcen bewahrt kulturelle Werte. Jedes Bauteil erzählt eine eigene Geschichte und trägt eben einen wichtigen Teil auch zur Identität des jeweiligen Ortes bei, es sind kulturelle Ressourcen. Und von unserem Entscheid hängt letztlich ab, ob ein Rückbauteil in den Zyklus der Abfallverwertung kommt oder eben in den neuen Lebenszyklus überführt wird. Das zirkuläre Bauen schont Deponieraum und das Klimabudget und so können wir heute einen Beitrag für morgen leisten. Danke, das war's.
30:53Fragen aus dem Publikum
Moderation
Vielen Dank, Jasmin, für die ganz vielen Einblicke in eure Arbeit, um das auch mal ein bisschen begreifbar zu machen, was da eigentlich passiert, wenn es darum geht, dass man nicht Baustoffe recycelt, sondern Bauteile. Das ist ein ganz anderes Level und wie viel größer der Hebel ist, wenn man die Bauteile tatsächlich betrachtet als neue Rohstoffe für die Zukunft. Ich lade es alle gerne ein, dass wir auch noch ein bisschen ins Diskutieren kommen. Jasmin ist aber auch noch ein bisschen da heute Abend und wir hängen jetzt gleich im Anschluss die Leinwand ab und dann können wir auch noch die Arbeiten der Studierenden betrachten. Die sind auch darum, Fragen zu beantworten. Also nutzt diese Gelegenheit heute Abend aus, um da ganz tief ins Gespräch reinzukommen. Aber wenn jetzt auch schon Fragen da sind, stellt sie gerne.
Da gehen Hände hoch. Wunderbar.
Stimme aus dem Publikum
31:51Hi, danke für den Vortrag. Ich habe eigentlich zwei Fragen. Die eine betrifft das erste Projekt, was du vorgestellt hast, die Aufstockung in Winterthur.
Du meintest, dass ihr die Stahlträger und die Treppe beispielsweise verwendet habt. Und da ist mir eine Frage, ob dann die Geschosshöhen beispielsweise oder auch die Längen von den Trägern eigentlich so übernommen wurde und erst danach festgelegt wurden im Entwurf. Weil das ja schon stimmen muss, oder sind die Träger im Nachhinein gekürzt worden. Mit der Treppe ist das ja schwer machbar. Da muss ja wirklich auf den Millimeter das passen. Und die zweite Frage ist, wie ihr im Büro eigentlich die Projekte akquiriert. Ob ihr das wie jedes normale Architekturbüro über Wettbewerbe oder über Beauftragung von öffentlichen Trägern oder privaten Investoren oder so macht. Oder ob da wirklich speziell nach so einer Art zu bauen gesucht wird.
Weil das ja natürlich vom Prozess was ganz anderes oder ein ganz anderer Aufwand ist. Und natürlich auch mit Mehrkosten verbunden ist. Und da muss man sich ja schon drauf einlassen wollen als Bauträger.
Jasmin AmannZirkular, Basel
32:59Genau. Also ich fange bei der ersten Frage an. Und das war tatsächlich ein bisschen witzig bei diesem Tragwerk. Denn unsere Projektleiter, der Marc und der Pascal, die haben eben dieses Tragwerk gesucht, weil das natürlich sehr entscheidend war für den Entwurf. Und das Tragwerk passt nicht ganz. Also es hat wie so eine Ausgrabung vorne. Somit kommt auch diese Form zustande. Und ich glaube, der Pascal hat den Marc angerufen und gemeint, ich habe das perfekte Tragwerk gefunden. Es passt perfekt. Und er dachte so, wow, es passt perfekt. Das muss ja Wahnsinn sein. Und dann hat sich halt herausgestellt, dass es doch nicht so perfekt passt, aber so in diesem Rahmen steckt, in dem man sich bewegen kann.
Und ich sage mal, wir definieren dann eben immer solche Parameter in der Suche. Und die gehen, ich sage mal, von bis. Und in diesem Spektrum geht es. Und sobald man sagt, okay, wir müssen zu viel bearbeiten, wir müssen zuschneiden, dann passt es eben nicht. Dann muss man das für etwas anderes einsetzen zum Beispiel. Aber so viel zu, es passt perfekt und dann diese Definition von perfekt, also das war damals ziemlich witzig. Und eben dadurch kommt auch diese Form zustande, wo man sich dann fragt, wieso? Aber klar, der Stahlträger war eben so lang, also wird so gebaut.
Genau, und die Stahltreppe, die hat komischerweise wirklich auf die Geschosse gepasst. Nur unten musste man ein Stück ansetzen. Also das ist ja auch so ein Prinzip, dass man sagt, okay, wenn es an der Stelle nicht passt, ich schweiße eine Stufe an oder unten mache ich einen Sockel oder so. Da muss man eben immer schauen, je nach Projekt.
Ja, es ist oft auch, ja, es geht ja so um dieses Bauteil Matching und eben um diese flexiblen Parameter. Und wir haben jetzt auch schon die Erfahrung gemacht, dass viele diese Parameter frei, ich sag mal, gut damit umgehen können im Entwurf und andere aber dann sehr spezifisch auf ihr, zum Beispiel auf eine Farbe beharren oder so. Ich will dieses Stahlblech genau in diesem RAL-Ton. Da muss man halt sagen, wir haben einen anderen RAL-Ton in Grau, wie wäre es? Und da muss man halt so ein bisschen dem Prozess auch entgegenkommen. Wenn man jetzt eine Stahltreppe findet, die überhaupt nicht passt, dann kommt sie eben nicht in Frage. Und zu der nächsten Frage, also wir machen keine Wettbewerbe, sondern jetzt in diesem Fall, weil es die Stiftung Abendrot, die eben Lust hatte, dieses Projekt zu machen.
Denn gerade auch so Stiftung Abendrot oder auch die Stadt Basel, Stadt Zürich, die sind jetzt sehr, sehr interessiert an solchen nachhaltigen Projekten, dass sie selbst auch ein bisschen Druck kriegen langsam, weil sie merken, ah, das sind ja gewisse Klimaziele und was machen wir denn? Ah ja, der Bausektor. Und das sind auch die, meiner Meinung nach, die wichtigen Institutionen, die sowas fördern sollten, die auch ein gewisses Risiko eingehen wollen und können vor allem. Also Bedingung ist immer, es wird nicht teuer als Neubau, es darf nicht teurer werden. Es ist so vergleichbar mit einem Umbau. Und eben, also das haben wir jetzt in den letzten Jahren sehr gemerkt, dass gerade auch die Stadt Basel, die Stadt Zürich, also die sind da sehr gut dabei.
Und zum Beispiel hat jetzt die Stadt Basel ins Leben gerufen, analog Basel-Pavillon mit diesem Gebäude-Materialkatalog, dass sie ihre eigenen Gebäude in der Stadt aufnehmen lässt von uns, untersuchen lässt auf die Potenziale. Dann werden die Bauteile auch in den Katalog übertragen. Und dann wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, der sich nur auf diese Bauteile bezieht. Somit bringt man ja diesen Rahmen auf den Markt, wo man sich bewirbt als Architekturbüro und diesen Wettbewerb mitmacht. Es ist eben sehr, sehr extrem die Nachfrage.
Und oft ist es ja so, wenn man gerade mit einer Stiftung Abendrot oder wenn man schon was mit denen gemacht hat, die wollen das dann auch wieder machen, weil sie merken, das funktioniert ja wirklich. Und das ist sehr schön.
Hat es die Frage beantwortet? Ja, das ist gut.
Stimme aus dem Publikum
37:14Also wurde die Gebäudehöhe bei dem ersten Gebäude tatsächlich den vorhandenen Bauteilen angepasst? Also nach den vorhandenen Bauteilen festgelegt?
Jasmin AmannZirkular, Basel
37:24Also die Stahlträger, ja. Die haben quasi das obere bestimmt mit der Auskragung und so. Und die Stahltreppe, die hat auf die Geschosshöhen gepasst, die später aufgestockt wurden.
Stimme aus dem Publikum
37:37Also entsprechend hoch hat man das Gebäude dann eben gebaut? Man hätte es auch höher bauen können, wenn...
Jasmin AmannZirkular, Basel
37:41Ja, im Prinzip schon. Also das war natürlich in Abstimmung mit der Stadt und mit allem, wie hoch darf es sein und auch wie darf es aussehen. Also das ist schon auch sehr viel, auch Planungsaufwand, auch mit den Behörden und so. Aber es ist schon im Wechselspiel entstanden. Also so Bauteilsuche, Entwurf, das hat sich ständig so aneinander angeglichen in dem Fall.
Stimme aus dem Publikum
38:06Und für die Zukunft, wir können ja nicht immer nur auf gerade aktuell zurückgebaute Gebäude zurückgreifen. Der müsste doch eigentlich auch interessiert sein, dass eben Deponien entstehen, wo man dann eben auf Baustoffe zurückgreifen kann. Sowas gibt es ja vereinzelt, aber warum gibt es das noch nicht in Karlsruhe?
Jasmin AmannZirkular, Basel
38:25Ja, das ist eine sehr gute Frage. Das Problem sind echt die Lagerkosten. Also da haben wir auch mit zu kämpfen, denn wir haben ein sehr kleines Lager.
Aber das ist so wie eine Zwischenlösung irgendwie. Und man hat nicht so viel Platz, um so viel zu lagern. Und Lagerflächen sind extrem teuer. Und ich finde eben auch die öffentliche Hand, die sollte jetzt sagen, es gibt so viel Leerstand und es gibt Leerstand, der geht noch zehn Jahre. Wir nutzen den Leerstand und es werden Lagerräume für eben solche Bauteile. Und warum wir zum Beispiel nichts einfach so ausbauen und lagern, ist natürlich auch die Kostenfrage, denn es muss uns ja jemand bezahlen dafür. Und so läuft es jetzt momentan, dass wir dieses Netzwerk haben, diese ganzen Rückbauten. Wir haben innerhalb unserer Firma Rückbauschur fix. Und dann wird eben immer abgeglichen, was wird gerade gesucht?
Also was ist die Nachfrage vom Baubüro in situ und von extern? Und was schwirrt gerade in der urbanen Mine? Und oft haben wir dann so einen Anruf gekriegt, mein Gebäude wird nächste Woche abgerissen. Das ist dann natürlich schwierig, weil man das einfach nicht auf die Reihe kriegt, so spontan irgendwas kurz rückzubauen. Also manchmal schon, aber eigentlich nicht. Und mittlerweile ist es aber schon so weit fortgeschritten, dass sich die Leute vielleicht zwei Jahre im Voraus melden oder drei. Und dann können wir so einfach schon viel langfristiger planen und dann zum bestimmten Zeitpunkt ausbauen, dann gegebenenfalls lagern.
Wir müssen eigentlich immer lagern, zwischenlagern. Und da ist eben die Frage, wo oft hat die Bauherrschaft selbst zum Beispiel Räumlichkeiten zur Verfügung oder der Umbau vor Ort?
Und ja, das ist ein Problem für uns, weil wir müssen immer gucken, wie lagern wir.
40:19Was kreislauffähiges Bauen kostet
Stimme aus dem Publikum
Nur ganz kurz, solange ich darf. Und zwar zum Thema Kosten. Das war was, was mich stark interessiert, weil muss man sich das leisten können? Ja, nur hör mal kurz auf, bitte. Muss man sich das leisten können, so zu bauen? Vielleicht ist es ja, oder das kam noch nicht ganz raus, ist es sogar vielleicht teurer, so zu denken, zu bauen? Weil ich stelle mir vor, diese ganzen Rückbaukosten sind bestimmt ja vielleicht zum Teil sogar teurer als neu beschaffen. Oder wie verhält sich das mit den Kosten?
Jasmin AmannZirkular, Basel
40:49Also wie gesagt, es wird nicht teurer. Also es darf nicht teurer werden, weil sonst, das geht einfach nicht, das bringt da nichts. Und es ist eben die Frage auch, wie viel man rückbaut, wie viel man einbaut, wie viel man am Gebäude. Wenn es ein Bestand war, ändert, das ist natürlich immer eine sehr große Frage. Man muss ja nicht immer komplett alles neu machen, man hat ja viel schon vor Ort, das ist eigentlich auch der Witz, dass man da auch dran denkt, was habe ich denn schon und das Material habe ich ja schon zur Verfügung.
Und dann war es eigentlich bei den Fenstern zum Beispiel als Kostenfrage jetzt, diese Lagerfenstern von den Firmen, die dort lagerten, die waren natürlich froh, dass sie ihre Müllfenster loskriegen, die müssen keine Entsorgungsgebühr zahlen, keine Entsorgungskosten, wir holen die Fenster ab, also sie sparen sich wie was dadurch, viele haben uns dann die Fenster geschenkt zum Beispiel. Also im Schnitt hat ein Fenster dreifach verglast, Schweiz, 300 Franken gekostet von diesen 200. Das war dann wieder so ein Puffer und oft wird das Material, wenn wir es rückbauen irgendwo, klar wir müssen die Rückbauenden bezahlen, oft das Material aber nicht.
Dann kommt man am Schluss schon, klar man muss es so mit diesem Umbaufaktor gleichsetzen eigentlich ungefähr.
Stimme aus dem Publikum
42:10Aber es ist ja beim Umbauen eigentlich auch oft das Thema, im Grunde ist ja aktuell einfach ein Neubau billiger wie eine Umnutzung von einem Gebäude oder ein Umbau oder ein Nutzen von einer Kernstruktur und da ist also die graue Energie ist ja ganz viel Thema aktuell und das ist ja gerade schon so ein ökologischer Punkt, der da gerade wieder mit rein spielt, wo viele dann sagen, okay, dann ist es halt erstmal teurer, aber trotzdem hat die Menschheit die Natur einfach schon einen Nutzen daraus, einfach ein bestehendes Gebäude wiederzuverwenden und also da ist doch bestimmt auch ein gewisser Spielraum, dass es ein bisschen mehr kosten kann, aber ja, trotzdem vorzuziehen ist.
Jasmin AmannZirkular, Basel
42:53Ja, es ist natürlich ein Riesenthema für uns und auch natürlich ein Problem, denn klar, Neubauen ist einfach wahnsinnig billig zur Zeit, also eigentlich für das, was es ist, zu billig, wenn man auch weiß, was man verbaut und wie es verbaut wird. Und ja, wir plädieren ja auch immer dafür, dass es ja auch von Architects for Future eine Umbauordnung geben sollte, wo Umbauen einfach attraktiv wird, dass es sich wirklich auch jeder leisten kann, dass es günstiger wird, dass gewisse Prozesse auch definiert werden, dass es Normen gibt, die sich auf den Umbau beziehen und nicht auf den Neubau. Das sind ja alles Kostenfragen und Sachen, die einem es schwer machen.
Und das ist ein Riesenthema, weil wenn, klar, die falschen, also ich sag mal so, wenn die richtigen Leute am langen Hebel sitzen, dann geht das. Man merkt das jetzt bei der Stadt Basel. Also die kommt ja auch für die Kosten auf, für den Rückbau der Bauteile, die sie dann in ihren Projekten wieder einsetzen.
Stimme aus dem Publikum
43:51Zu den Kosten würde ich gerade auch gerne noch was sagen, weil wir sprechen jetzt ja über diese Neubaukosten zum Beispiel so, dass das sehr geringe Kosten für die Bauherren dann sind. Aber die Kosten sind nur deshalb so gering, weil den großen anderen Teil der Kosten zahlt die Allgemeinheit. Also was zum Beispiel dann an neuen Emissionen und so weiter oder auch an, wir zahlen es aktuell auch schon, mit den ganzen Zahlungen der Bundesregierung in klimaschädliche Subventionen, die es halt auch gibt und die werden bei einem Neubau einfach nie behandelt.
Also man braucht irgendeine Art von Regulierung, wie man diese Emissionen aus der Zukunft bepreist in aktuelle Preise reinbringt und dann ist es ganz schnell der Fall, dass so ein Bauen immer vorzuziehen ist, weil es einfach günstiger ist, jetzt günstiger ist und es ist besser für alle Generationen. Dann kommt man in dieses Lebenszyklusdenken rein, wo jetzt auch gerade die öffentliche Hand ein Rieseninteresse daran hat, weil denen ist halt wichtig, dass es langfristig bezahlbar bleibt.
Jasmin AmannZirkular, Basel
45:05Ja und ich denke, wir sind auf einem guten Weg dahin, dass sich gewisse Sachen gerade umkrempeln. Es ist natürlich ein sehr, sehr, sehr langwieriger Prozess, aber wir können es nur vorleben und sagen, es funktioniert.
Jasmin AmannZirkular, Basel
45:25Ich glaube, allein darüber wahrscheinlich nicht, aber schon viel. Also wenn das mal richtig durchgesetzt wird, dann...
Stimme aus dem Publikum
45:35Das braucht halt die richtigen CO2-Preise dafür. Es gibt solche Versuche in Schweden mit 150 Euro pro Tonne, da hat es noch keine regulatorische Wirkung tatsächlich. Die Veränderung in Schweden hat eher was mit der Motivation, was Gutes zu tun.
Die Preise, die man ansetzen müsste, damit es wirklich generationengerecht ist, liegen bei etwas 600 Euro pro Tonne CO2. Das ist natürlich meilenweit von dem entfernt, was heute besprochen wird. Aber es gibt auch erste Bauten an der Hochschule Kiel, wurde zum Beispiel ein Gebäude renoviert. Da haben sie gesagt, wir wollen es gerne richtig machen. Was würde uns das kosten, wenn wir das generationengerecht bauen? Und da kam dann mit diesem 600 Euro Preis pro Tonne Preis, war es ganz schnell rentabel, das alte Gemäuer wieder instand zu setzen. Was man vorher nicht gemacht hätte, weil da besondere Handwerker und Handwerkskünste dafür gebraucht wurden. Und wenn man aber diese Preise ansetzt, dann ist es plötzlich sehr schnell rentabel, aus dieser Sicht das Richtige zu tun.
Stimme aus dem Publikum
46:50Ja, das ist ein Preis vom Umweltbundesamt. Ja, also er ist empfohlen. Ja, also trotzdem müssen sie sich am Ende dazu entscheiden, das zu tun. Weil noch gibt es keine Verpflichtung dafür, das so zu rechnen.
Moderation
47:17Gibt es noch Fragen, bevor wir jetzt zu theoretisch in welchen Preisdiskussionen abdriften?
Wenn nicht, dann bauen wir ganz schnell die Leinwand ab und eröffnen quasi die... Ja, bitte.
Stimme aus dem Publikum
47:33Weißt du, also wenn ihr viele Projekte mit der Stadt Basel durchführt, weißt du, ob dann die Stadt Basel auch, sage ich mal, auf baurechtlicher Ebene das auch versucht, weiterhin zu forcieren? Also ob die beispielsweise Bebauungspläne oder so festlegen, dass eben nur auf diese Art und Weise gebaut werden soll oder das vermehrt in Wettbewerben vorgeben?
Jasmin AmannZirkular, Basel
47:56Ja, ich glaube so ganz offiziell passiert es noch nicht, aber es ist schon so am Brodeln, kann man sagen. Also man merkt, da passiert gerade sehr viel und da kommt es eben auch darauf an, wer sitzt im Lied, also wer gibt den Takt auch vor. Also ich glaube, es geht jetzt schon in die Richtung, denn es gibt natürlich so gerade so Bebauungspläne, die wurden von 15 Jahren beschlossen. Da denkt man sich manchmal so, okay, das halbe Klybeck wird abgerissen, geht es noch, also sorry, ist so.
Und da gibt es jetzt auch ziemlich Kritik gerade und das muss sich halt einfach auch ändern, weil man jetzt auch merkt, es gibt sehr viel Unruhe auch gegen sowas.
Moderation
48:44Ich hätte doch noch eine Frage an dich als Bauteiljägerin. Wie funktioniert das Bauteiljagen? Wie analog, wie digital ist das? Arbeitet ihr zum Beispiel mit einer Firma wie Madaster zusammen, um Gebäude in ihren Bauteilen schon digital anzulegen? Oder wenn sich dann Kunden, Kundinnen bei euch melden, wir würden demnächst was abreißen, liefern die euch schon digitale Gebäudepässe oder müsst ihr da alles einzeln aufnehmen?
Jasmin AmannZirkular, Basel
49:16Also wenn ein Gebäude abgerissen wird und wir das mitkriegen, dann geht es erstmal darum, gibt es Pläne? Manchmal gibt es einfach keine Pläne, manchmal gibt es Pläne, die sind vielleicht eingescannt, ich kriege jetzt bald Pläne per Post auch zugeschickt. Also da ist so alles dabei, wir sind aber froh, wenn es überhaupt Pläne gibt und es ist gar nicht immer so selbstverständlich, dass es Pläne gibt. Das erleichtert uns natürlich sehr viel, es erleichtert uns auch viel, wenn wir von einem Bauteil die Daten haben, ist ja ganz logisch, das braucht es auch, um den Wiedereinsatz zu gewährleisten, sonst muss man es extern prüfen lassen und wenn man so diese Pässe hätte, das wäre so viel einfacher alles und das ist eigentlich auch für die Zukunft, dass man es jetzt so anlegt, dass dieser digitale Gebäudepass da ist, erstellt wird und für künftige Generationen. Und wenn ich jetzt zum Beispiel in ein Gebäude gehe, dann nehme ich ein iPad mit, also meistens sind wir zu zweit, dann geht es darum, okay, die Türen, die sind echt gut, die kann man sogar mit Sarge ausbauen, sage ich mal, dann wird die Tür fotografiert, einer macht ein Foto mit dem iPad, der andere nimmt den Zollstock und gibt die Maße durch und dann wird es schön auf dem iPad so gezeichnet und am Schluss hat man eigentlich das Bauteil, das Foto mit Bemaßung, mit Details, alles mögliche, dann irgendwann weiß man auch, auf was man achten muss, beim Fenster auf den Fensterstempel, bei der Tür genauso, aufs Material, Stückzahl, wo im Gebäude es ist verortet, ich habe ganz am Anfang mir nicht aufgeschrieben, in welchem Raum ich war und es war ein total verwinkeltes Gebäude und seitdem, ich mache immer erst ein Foto vom Raum, dann gehe ich rein, dann kommt die Bauteiljagd im Raum und so weiter.
Das legen wir dann an in Form von Listen und tun auch nochmal explizit die Bauteile einzeln erfassen, sodass man das auch einfach schnell wie verschicken kann. So hier, wir haben die und die Bauteile, die kommen in Frage, hier sind die Bilder, die Maße, die Stückzahlen und so. Und wir sind auch gerade dabei, so eine App zu entwickeln, dass wir die Bauteiljagd so digital machen.
Moderation
51:23Danke. So, dann wirklich herzlichen Dank an dich nochmal für deinen Vortrag und all die tollen Antworten, die tollen Projekte, die du vorgestellt hast. Ich lade alle ein, auch die studentischen Arbeiten hier auch hinten anzuschauen, drüber zu diskutieren. Und auch, noch ein kleiner Hinweis, Sebastian Heck wird es hier gleich Disco und Soul noch auflegen und es wird heute Abend noch getanzt. Also bleibt hier, wärmt euch auf beim Tanzen. Dankeschön. Ja, vielen Dank.