Archiv · 13.08.–15.10.2022 · Ein Projekt von supermorgenArchiv 2022 · supermorgen

Gespräch · · 58:09

„Amt für künstlerische Vermessung“

Mitschnitt · 58:08 · 12 Kapitel

Kapitel 1 von 12Norina Quinte begrüßt Socialform

Jurek Werth

Sprecher:innen

  • Jurek Werth · sprichtSocialformRedeanteil 62 %
  • Lydia Kähny · sprichtSocialformRedeanteil 27 %
  • Norina Quinte · sprichtModerationRedeanteil 3 %
  • Stimme aus dem Publikum · sprichtRedeanteil 1 %

Kurzfassung

Jurek Werth und Lydia Kähny von Socialform stellen das Amt für künstlerische Vermessung vor: eine Methode, bei der Künstler:innen über Open Calls eingeladen werden, ein Stadtviertel subjektiv zu vermessen, als Ergänzung zu klassischen Stadtentwicklungskonzepten. Sie berichten von einer Tankstelle im Darmstädter Pallaswiesen-Mornewegviertel und einem Pop-up-Laden im Einkaufszentrum Kranichstein vor dessen Abriss und sprechen über Förderstrukturen. Norina Quinte moderiert, am Ende folgen Fragen aus dem Publikum.

Veranstaltung: Amt für künstlerische Vermessung

Transkript

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0:00Norina Quinte begrüßt Socialform

Norina QuinteModeration

Das, was heute wahrscheinlich schon anklingt, vertiefen an einem Talk am Mittag. Und ich freue mich ganz besonders, dass ihr hier seid, weil man steckt ja oft in den eigenen Blasen drin. Das hatten wir letztes Wochenende so als Auftaktveranstaltung auch schon diskutiert mit unter anderem Andreas Gerdes aus dem KIT, inwiefern dieses Blasenverhalten auch zu einem, sag ich mal, nicht zwingend nachhaltigen Erbauen von Infrastruktur führen kann. Und deshalb sind wir umso dankbarer, dass wir auch jetzt die Tage haben oder heute, um das zu teilen, was ihr wahrscheinlich auch in gewissen Teilen erlebt, im Bereich künstlerische Vermessung, so würde ich das mal ankündigen. Das Amt für künstlerische Vermessung ist ein Projekt, wiederum eines, so wie ich es verstanden habe, eines Dachprojektes, Socialform.

0:51

Und ihr schüttelt schon mit dem Kopf, ihr werdet uns gleich noch genauer diese Differenzierung beibringen. In jedem Fall geht es euch darum, dass es euch eigentlich nicht gibt, wie ich ergoogelt habe, da ihr nicht raumbezogen, also ihr habt keinen eigenen Raum, den ihr bespielt, sondern geht temporär in den Stadtraum rein, um dort sowohl das Umfeld, das bauliche, also physische Umfeld kennenzulernen, wie aber auch all seine Akteure und Akteurinnen, Objekte und ja, alles, was man so aufspüren kann, dem geht ihr nach. Auch soweit von meiner Seite aus und ich freue mich, dass ihr uns jetzt zeigt, was ihr in Darmstadt gerade auf die Beine stellt und auch schon auf die Beine gestellt habt. Schön, dass ihr da seid. Dankeschön.

1:39Vom Kulturverein zum Gestaltungsbüro

Lydia KähnySocialform

Ja, danke für die Einführung, Norina. Wir haben den Vortrag folgendermaßen aufgebaut. Erstmal erläutern Jurek und ich, wie wir zusammenarbeiten und wie unser jeweiliger Hintergrund funktioniert. Und dann stellen wir euch das Amt für künstlerische Vermessung Teil 1 und dann die aktuelle Vermessung auch vor. Genau, und Jurek, du darfst gerne beginnen. Genau, also wir hatten uns gedacht, wir erzählen erstmal ein bisschen was von uns.

Jurek WerthSocialform

2:10

Weil, wie Norina schon gesagt hat, es ist nicht ganz klar, was ist Socialform, wer ist Lydia, wer ist Jurek. Also Socialform ist ein Gestaltungsbüro. Das ist ein wirtschaftliches Unternehmen. Und da bin ich der Geschäftsführer, einer der Geschäftsführer. Und ich komme aber aus langjähriger Kulturarbeit in Darmstadt. Also wir hatten einen Kulturverein, das Blumen e.V. von 2012 bis 2018. Den Verein gibt es auch immer noch, aber wir sind eben zum Schluss gekommen, dass das Ehrenamt vorbei ist. Für uns, weil wir haben eigentlich mit dem Kulturverein immer Leerstand bespielt und haben dort eigentlich immer auch Leerstand umgenutzt.

2:52

Wir waren eigentlich eine Gruppe aus Gestaltern, aus Architekten, konnten uns den Raum immer gangbar machen. Und das hat schließlich dazu geführt, dass wir 2017 vom Staatstheater beauftragt worden sind, noch im Kulturverein eine Installation auf dem Staatstheater-Vorplatz zu machen. Und das war dann so eigentlich der Startschuss für unsere professionelle Laufbahn, wo wir gesagt haben, hey, wir waren irgendwie 23 im Kulturverein. Und dann haben wir uns zu siebt da rausgezogen und haben gesagt, nee, im Ehrenamt ist schön und gut, das machen wir zwar auch noch, aber wir wollen auf jeden Fall damit unser Geld verdienen. Das waren dann Gestalter und Architekten, also Kommunikationsdesigner, Produktdesigner, aber auch Handwerker und ich bin selber auch gelernter Tischler. Und wir haben eigentlich dann das, was wir im Kulturverein gemacht haben, versucht in Darmstadt professionell auf die Beine zu stellen.

3:40

Und wir wollten aber der Kultur verhaftet bleiben, deswegen gab es dann, nachdem wir erst dieses Studio gegründet haben, auch direkt, glaube ich, ein halbes Jahr später wieder den Verein, um eigenständig auch die Projekte initiieren zu können. Weil wir einfach gemerkt haben, aus der Wirtschaft, aus der freien Wirtschaft, gibt es zwar eine gewisse Nachfrage, aber für die Art von Kultur, für die Art von Projekten, die wir uns vorstellen, ist das sehr schwierig. Man sieht das hier, glaube ich, noch sehr gut. Wir hatten sehr starke formale Gestalter bei uns im Team und haben aber auch immer in der Arbeit sehr viel Wert auf die Partizipation und die Beteiligung im Entstehungsprozess, aber auch später in der Rezeption der Arbeiten sozusagen Wert gelegt und haben da so versucht, die Brücke zwischen sehr starken formalästhetischen Gestaltungen und trotzdem einer gewissen Teilhabe und einer Zugänglichkeit herzustellen. Das hat aber auch zu gewissen Spannungen in unseren internen Strukturen geführt.

4:39

Also wir hatten die sehr starken formalästheten und die sehr starken Partizipationisten, wenn ich das so nennen will. Das hat dazu geführt, dass auch da die Reibung, das hat das dann irgendwann nicht mehr ausgehalten. Und ich bin dann noch mit einem anderen Partner weiter als Socialform. Und wir versuchen eben, der Name sagt das ja auch so ein bisschen, weiterhin gute formale Gestaltungen zu liefern, aber trotzdem zu gucken, was die Bezüge zu den gesellschaftlichen Abhängigkeiten und Bedingtheiten dieser Gestaltung sind. Das heißt, ein sehr starker Fokus liegt darauf, partizipativ zu den Ergebnissen zu kommen, also mit einem Einbezug der Beteiligten ins Gespräch, bevor wir Projekte machen, zu kommen und mit diesen Beteiligten aber auch die Projekte zum Leben zu bringen. Also die Projekte sozusagen von der Pike auf zu entwickeln und im Entwurfsprozess eigentlich schon drüber zu sprechen, wie wir es dann später betrieben, wer macht was, was gibt es für Verantwortlichkeiten, wer kann was, was gibt es für Kompetenzen im Team.

5:34

Das heißt, wir arbeiten eigentlich nie alleine als Socialform, sondern immer in größeren Allianzen. Von Projekt zu Projekt eigentlich immer wieder mit neuen Akteuren, lokalen Akteuren, die mit ins Projekt kommen, die das Projekt auch tragen, aber auch, und so kommt Lydia mit ins Boot, mit natürlich auch weiteren Profis, die einfach ihr Handwerk beherrschen und das auch mit unterstützen. Soviel erstmal, glaube ich, zu meiner Person. Und wo ich herkomme?

6:05Zwischen Hochschule und freien Ausstellungsprojekten

Lydia KähnySocialform

Genau, ich übernehme. Ich habe hier, also ich zeige euch hier auf der Folie quasi ein aktuelles Projekt, in dem ich gerade drin stecke. Ich arbeite eigentlich schon ziemlich lange auch institutionsgebunden. Ich bin gerade wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Gestaltung, dort in einem bildwissenschaftlichen Projekt. Und genau, dort beschäftigen wir uns mit digitalen Bildern und planen auch eine Ausstellung am 25. November, wie die eröffnet. Und ansonsten, mein Hintergrund ist der, ich habe auch eine Tischler-Ausbildung nach dem Abitur gemacht und habe dann Innenarchitektur bis zum Bachelor an der Burg Giebichenstein in Halle studiert. Dann auch eine Zeit lang dort als künstlerische Mitarbeiterin gearbeitet und bin dann für die zweite Studienphase quasi hier nach Karlsruhe gekommen.

6:54

Und dort auch immer in Institutionen wie dem ZKM oder dem ZAK, genau, dort habe ich auf jeden Fall auch nochmal ordentliche, also viele Einflüsse oder auch Themen mitbekommen, die mich auch immer noch begleiten. Ich möchte euch hier kurz auf mein erstes freies Ausstellungsprojekt aufmerksam machen. Die Ausstellung hieß Erwerb und wir haben ein Jahr lang Künstlerinnen und Künstler nach dem Abschluss begleitet und geschaut, welche Maßnahmen sie ergreifen, um in ihr professionelles Künstlerinnen-Dasein zu starten. Und genau, das ist ein sehr schönes Projekt, das jährt sich jetzt acht Jahre her und ich denke darüber nach, ob ich zum Jubiläum, zum 10. vielleicht alle nochmal fragen soll. Deshalb habe ich es jetzt hier mit reingenommen.

7:47

Und mit Jurek bin ich über eine Ausstellung letztes Jahr zusammengekommen. Und zwar habe ich dort eine Ausstellung für den Heidelberger Frühling geplant. Es war eine sehr turbulente Zeit, weil der Heidelberger Frühling ist ein Festival für klassische Musik und die hatten ein Jubiläum. Und dann aber Pandemie und konnten eigentlich kaum auftreten. Und unsere Ausstellung war für den Innenraum geplant, die Ausschreibung lief schon und diese Studio war damals quasi ein Unternehmen, an das wir ausgeschrieben haben. Und dann sind wir aus unseren Räumen geflogen und mussten ad hoc auf den Außenraum ausweichen. Und Jurek und ich und mein Team, wir hatten dann irgendwie so eine ganz gute Art, damit umzugehen.

8:42

Und aus dieser Zusammenarbeit ist eigentlich so unsere Verbindung gewachsen. Und ich wurde jetzt quasi dieses Frühjahr angefragt, das zweite Amt für künstlerische Vermessung zu begleiten. Und so könnte man sagen, bin ich eigentlich eher so temporäre Mitarbeiterin bei Socialform sozusagen.

Jurek WerthSocialform

9:04

Genau, aber trotzdem sitzt du hier mit uns oder mit mir auf dem Podium. Ich glaube, das ist uns recht wichtig. Klar treten wir nach außen als Socialform auf, aber die Freelancer oder die Hyattcans oder wie auch immer man es nennen will, beziehungsweise Freelancerinnen bei uns, die tragen bei uns eben genauso viel für, sondern wir versuchen das zumindest, dass wir so eine Arbeitsstruktur uns erarbeiten, dass wir trotzdem gemeinsam das Projekt weiterentwickeln. Jetzt auch wie in diesem Fall bist du dazugekommen. Du bist in viele digitale Strukturen reingerutscht, die wir im ersten Amt entwickelt haben und hast da so Onboarding erfahren. Aber glaube ich, immer mit der Offenheit nach hinten raus, diese Strukturen auch weiterzudenken und weiterzumachen. Das ist nämlich das, was einerseits unsere Arbeit sehr bereichert, das immer wieder mit neuen Leuten zu arbeiten, aber andererseits auch immer wieder zu Reibungspunkten führt, weil natürlich Strukturen neu erarbeitet werden müssen.

9:56

Gemeinsames Arbeiten muss immer wieder neu überdacht werden. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es sehr, sehr spannend und auch wieder schön, zum Beispiel in dem Fall auch, dass du einen ganz anderen Blick auf das AFKV und den Gedanken hinter dem Amt gebracht hast, wie das vielleicht von den Gründungsvätern und Müttern vom AFKV war. Andererseits gab es natürlich viele Diskussionen, die ein zweites und ein drittes Mal geführt werden müssen, aber das ist so ein bisschen auch eigentlich das Glück und Leid all unserer Projekte, das gehört einfach dazu, mit Leuten zusammenzuarbeiten, in die Reibung zu gehen, die Reibung auch auszuhalten und versuchen aus der Reibung was Gutes, Neues rauszubekommen. Eben nicht ein Stillstand im Projekt, sondern was Gutes. Ja, das hört sich an, als hätten wir die ganze Zeit Beef gehabt, aber so war es natürlich nicht.

Lydia KähnySocialform

10:41

Wir haben hier stellvertretend für unsere Art, wie wir zusammengearbeitet haben, Screenshots gemacht von unserer Projektorganisation, das einmal Notion und einmal Drive und es gab aber noch hundert andere Plattformen, Zoom, Tandem, Missive bis zum DriveNow-Carsharing-Account. Also das sind quasi alles Tools, die man erfährt, wenn man miteinander kollaboriert und da muss man sich halt irgendwie schnell reinfinden. Sollen wir mal ins AFKV rein?

11:13Ein Amt, das es nur als Methode gibt

Jurek WerthSocialform

Genau, das ist eigentlich auch eine gute Überleitung, was die digitalen Strukturen angeht. Und Norina hat es ja vorhin gesagt, das ist so ein bisschen der Aufhänger vom Amt. Sonst gibt es eigentlich gar nicht, beziehungsweise das AFKV gibt es eigentlich nicht in Form von einer physischen Struktur. Es gibt wirklich einfach nur eine Webseite und einen Haufen, Haufen Formulare, Vordrucke, Leitfäden, wie man mit dem Amt umzugehen hat, das jetzt in der ersten Amtszeit sich entwickelt hat, also die sich in der ersten Amtsphase gebildet haben. Und die sind eben immer noch auch so fluide, dass sie weitergeschrieben worden sind, jetzt wie im zweiten Mal. Denn für uns ist das AFKV, und da auch nochmal zur Klarstellung, eigentlich eine Methode. Das ist eigentlich eine Arbeitsweise von uns.

11:55

Das AFKV steht für Amt für künstlerische Vermessung.

12:00

Das ist, wie man ja gesehen hat, wie wir arbeiten. Wir arbeiten viel im städtischen Raum, in Stadtentwicklungsprojekten über eine sehr starke Präsenz vor Ort, aber haben eigentlich immer auch die Stadtentwicklung mit im Blick. Und in Darmstadt speziell gibt es einfach ein paar Gebiete, die momentan entwickelt werden über sogenannte ISEKs, also integrierte Stadtentwicklungskonzepte. Da wird natürlich vorher ganz klassisch über Stadtplanung viele Daten erhoben, sehr viele quantitative Daten. Die Demografie wird ausgewertet, es wird geguckt, was gibt es für eine Bevölkerungszusammensetzung, was macht Sinn.

12:41

Es wird ein bisschen ins Stadtviertel reingegangen, aber diese sogenannte Bürgerinformation oder Bürgerbeteiligung, die ist da unserer Meinung nach noch ausbaufähig und was wir eben versuchen durch diesen Knist mit dem Amt für künstlerische Vermessung, diesen Amtsgedanken, diesen sehr starken Top-Down-Gedanken, eben mit diesem sehr sinnlichen, sehr emotionalen, sehr subjektiven Vorgehen von Künstlern zu verbinden. Um ganz klar die Frage zu stellen, was gibt es für andere Wissensstände, was gibt es für andere Informationen, die man eben über die gängigen Methoden in den städtebaulichen Entwicklungsprojekten nicht finden kann. Und wie können die erhoben werden? Das ist natürlich ein kleines Paradox, dass wir einerseits sagen, wir sind das Amt für eine künstlerische Vermessung, haben dann aber natürlich Künstler, also jeder Amtsleiter, das ist so die Idee, die Künstler werden auch meistens oder immer über Open Calls eingeladen.

13:37

Und die müssen sich auf die Amtsleitung bewerben und sollen dann für uns oder mit uns mehr oder weniger frei in dieses Viertel gehen und das Viertel für uns vermessen, das ist so die Grundidee. Und das ist natürlich auch auf der Ebene sehr spannend, weil wir erstmal gar nicht wissen, was am Ende rauskommt. Also wir sagen, hey, ihr habt da 2000 Euro Honorar für einen Monat, für fünf Wochen, das ist ungefähr das Framing, das Setting von unserem Projekt, das erzählen wir, glaube ich, vielleicht später. Macht euch auf die Suche und erzählt euch, was ihr aus eurer Perspektive findet, um dann eben mit dieser Vermessung wieder zurückzuwirken in die Stadtentwicklung und wieder zu gucken, okay, was ist denn da rausgekommen, gibt es neue Ideen, das ist so die Grundidee dieser Methode.

14:21

Und wir hatten es ja schon gesagt, das geht eben nicht ohne physischen Raum, also das Amt hat keinen eigenen physischen Raum und muss immer wieder einen neuen physischen Raum besetzen, braucht immer wieder anderen Doktpunkte in der Stadt. Das ist ganz wichtig, dass wir dort auch Orte bespielen, an denen die Kunst entwickelt wird, also an denen die Künstler arbeiten, in Form von offenen Ateliers eigentlich und an denen die Kunst auch rezipiert und besprochen werden kann. Und meistens geht es einher, dass in diesem Raum auch noch nebenbei Projekte von Bürgern oder Bürgerinnen oder lokalen Akteuren stattfinden.

14:54Die erste Vermessung an einer Darmstädter Tankstelle

Jurek WerthSocialform

Genau, so viel zur Theorie, jetzt hier kurz zur Praxis. Also das erste Amt für künstlerische Vermessung, das war in Darmstadt an einer Tanke, so wie es da auch steht.

15:04

Da ist der Anlass ganz klar gewesen, dass das Pallaswiesen-Mornewegviertel, das ist das westliche Viertel in Darmstadt, das ist im Bahnhof gelegen. Da gibt es total wenig Wohnstätten, da ist fast nur Industrie, aber eben trotzdem noch ein paar Wohninseln, wie es genannt wird. Und da gibt es momentan abgeschlossen das ISEK, also da liegt die Magistratsvorlage vor, was da jetzt passieren soll in den nächsten Jahren. Da werden jetzt in den nächsten Jahren 15 Millionen Euro reingesteckt. Das ISEK, das funktioniert meistens so, dass man da eine Trägerschaft hat, einerseits vom Sozialdezernat, also da wird viel in die soziale Infrastruktur investiert, aber da wird auch hauptsächlich in bauliche Infrastruktur investiert. Und wenn man sich die Magistratsvorlage anguckt, dann sieht man auch, wo die Schwerpunkte liegen, wo die Kohle hinfließt, nämlich fast nur in die Bauprojekte.

15:53

Also die soziale Infrastruktur kriegt zwar auch Geld, aber wirklich erschreckend wenig. Und vor dem Hintergrund wurden wir angesprochen, dass es dort diese Tanke gibt. Da gibt es einen lokalen Akteur, das Schuldruckzentrum, die haben diese Tanke irgendwie mitgemietet, machen im Keller hinter dieser Tankstelle die Druckworkshops an und Druckpädagogik und sie wussten nicht genau, was sie mit dieser Tanke machen sollen. Und die sind tatsächlich eigentlich auf uns zugekommen und gesagt, hey, ihr macht doch sowas, ihr bespielt Leerstand, macht doch mal was mit uns. Und da wir natürlich wussten, dass dort dieses ISEK da läuft, haben wir gesagt, ja gut, wir könnten jetzt eigentlich eine einfache künstlerische Intervention machen, wir könnten da irgendwie ein bisschen Party machen, war oft auch sehr eventgebunden bei uns, haben wir gesagt, nee, vor dem Hintergrund des ISEKs würden wir eigentlich gerne ein bisschen anders daran gehen und haben anhand dieser Tanke eigentlich das Amt für künstlerische Vermessung entwickelt. Und haben gesagt, nee, wir würden gerne für drei Monate projektbezogen dort Künstler einladen, die eben in der Tankstelle arbeiten und von der Tankstelle aus in das Viertel hineingehen und das Viertel vermessen.

16:55

Sagst du das mal an? Ja.

17:01

Das geht dann meistens bei uns so ab, weil wir ja trotzdem noch Architekten und Planer und Gestalter sind, dass wir in erster Linie uns überlegen, wie bauen wir den Raum um, was machen wir mit dem Raum und wir glauben aber auch da an eine physische Infrastruktur. Also das ist schon, das ist ein Projekt von drei Monaten gewesen und die Tankstelle gab es ja schon, ein sehr starker Raum, aber gleichzeitig haben wir gesagt, was brauchen wir, was addieren wir, damit man sieht, hier passiert was Neues, hier gibt es was Neues, einerseits das, die Strahlwirkung, was brauchen wir für eine Infrastruktur, dass hier auch was passieren kann. Und die grundlegende Idee war eben, dass man zuerst reingeht in das Projekt und guckt, wer ist denn vor Ort, welche Akteure gibt es vor Ort, die mit uns zusammen dieses Projekt machen können.

17:44

Das Schuldruckzentrum steht da oben, das ist die Grinsekatze, Socialform war mit dabei, wir hatten natürlich unseren Kulturverein, das war damals noch der Dieselkulturverein, weil wir damals Projektträger waren, also wir haben das gesamte Projekt beantragt, und dann gab es aber noch eine Menge anderer, und zwar einerseits die Diakonie und die Caritas, die vor Ort eben einen Auftrag haben über das ISEK, also die müssen vor Ort oder sollen vor Ort soziale Gemeinwohlarbeit machen, und wir hatten noch Veranstalter, Tag und Nacht Media und Bedroom-Disco, die direkt um die Tanke angeordnet waren.

18:16

Und aus dem Potpourri haben wir eigentlich in Form von Workshops zusammen herausgearbeitet, was neben der künstlerischen Vermessung noch an diesem Ort passieren soll, auch vor dem Hintergrund, dass dieser Ort langfristig betrieben werden soll und wir diese drei Monate Projektförderung, die wir eingeworben hatten, als Testballon nutzen können. Und es war relativ schnell klar, dass ein anderer Bestandteil dieses Projektes neben der künstlerischen Vermessung auch ein sehr starker Veranstaltungscharakter sein soll. Also die Tanke sollte zu einem Veranstaltungsort werden, zu einer Bühne. Die Wand, die ist tatsächlich Covid-geschuldet. Das war 2021. Und da war überhaupt nicht klar. Wir wollten eigentlich im April öffnen und dann wird das immer wieder verschoben. Und dann gab es vom Gesundheitsamt Auflagen, dass man eben den Zugang kontrollieren muss. Und dann war nicht klar, die Tanke ist so offen zur Straße.

19:05

Da kam eigentlich die Wand her. Man sieht es aber, dass wir die dann sukzessive wieder zurückgebaut haben. Und eigentlich diese zentrale Bühne unter das Tankendach gesetzt haben. Und dann dem Künstler haben wir aber den Tanken in den Raum gegeben. Das heißt, der Künstler durfte sich die schöne 50er Jahre Verkaufsraum nehmen. Den haben wir ihm dann noch so ein bisschen amtsmäßig, da waren wir noch total im Amts-Hype drin, mit so alten Amtsmöbeln ausgestattet und so. Da haben wir viel inszeniert und haben das auch ein bisschen auf die Spitze getrieben vielleicht. Und da haben tatsächlich die Künstler dann gesessen. Ganz spannend, wir hatten ja insgesamt drei Künstlerinnen da.

19:44

Manche haben das auch aufgenommen und sind dann wie ins Schauspielern gekommen und haben sich auch zum Amtsleiter gemacht. Manche haben das tatsächlich eher so links liegen gelassen und haben dann ihr Zeug da gemacht.

19:53Drei Künstler:innen vermessen ein Viertel

Jurek WerthSocialform

Aber es war total spannend, weil wir haben insgesamt drei Positionen ausgeschrieben, also jeweils drei einmonatige Artists in Residencies.

20:04

Das erste war von Simon Freund, ein Fotokünstler aus München, der mit seinem Projekt Selbstporträts, was er schon mal woanders gemacht hatte, an die Tanke gekommen ist. Das funktioniert so, er tauscht mit 100 Leuten die Kleidung. Also er hat immer so eine Uniform an, also seine Klamotten sind immer die gleichen. Er hat sich in unserem Fall die Leute an die Tanke eingeladen, hat Klamotten mit ihnen getauscht und dann jeweils zwei Porträts gemacht. Eins von sich in der Klamotten der anderen Person und eins von den Personen eben in seiner Kleidung. Und das fand ich unglaublich spannend im Auslobungsprozess. Also das funktioniert so, wir laden dann über den Open Call Künstler ein, die sich mit Konzepten bewerben sollen und gehen dann in eine Jury, die einerseits aus Fachpreisrichtern besteht und andererseits aus lokalen Sachpreisrichtern, könnte man sagen, die das Viertel kennen, sichten wir die Einreichung und wählen dann praktisch aus, was passt.

21:00

Und dann haben wir natürlich im Kopf, okay, was wollen wir gern vom Künstler haben, was soll er im Viertel machen. Gleichzeitig ist aber dieser Abgleich mit den lokalen Akteuren auch ganz wichtig, um zu gucken, geht das hier überhaupt oder wie ist das Viertel drauf, funktioniert das, funktioniert das nicht. Und das war natürlich total spannend, um mal an die Leute überhaupt ranzukommen, von Simon die Arbeit. Sarah Metz, die zweite Künstlerin aus Kassel, hatte einen wesentlich partizipativeren Ansatz, also sie hat viel stärker gesagt, sie geht einerseits raus ins Viertel, sammelt, macht Psychogeografien, sammelt, was sie in der Straße findet, lädt aber gleichzeitig auch Leute an die Tanke ein zum Essen, um mit ihnen Workshops zu machen und auch auf kleine Erkundungen zu gehen und hat eigentlich am Ende auch so ein kleines Archiv dieses Viertels an der Tanke ausgestellt, mit all den Sachen, die sie und eben die Leute dort gefunden haben. Und unser dritter Künstler an der Tanke selbst war Johannes Henold, selber eigentlich Architekt und Stadtplaner, der nochmal ein Stück weiter partizipativer war.

21:56

Er hat die Leute eigentlich aufgefordert, Szenen aus ihrem Leben aufzuschreiben und einzureichen und hat daraus ein Drehbuch gemacht oder so ein fiktives Drehbuch über einen Tag in PaMo. Das war unglaublich spannend, weil man in der Abschlussausstellung sich so da durchlesen konnte und wirklich einen ganz anderen Einblick in dieses Viertel bekommen hat, was, glaube ich, sonst überhaupt nicht machbar gewesen wäre. Und seine andere Aktion war, dass er die Fördergebietsgrenze mit so einem Markierungswagen abgefahren ist, eins zu eins in der Stadt. Und da hat man erst gesehen, wie wahllos diese Grenzen gesetzt werden. Weil das ist ja einfach eine Linie, die sich an Katastergrenzen und an Stadtteilgrenzen entlangzieht. Und das war ein unglaublich starkes Bild, einerseits ihn dort zu sehen mit dem Markierungswagen, aber andererseits diese Kreidespur dort durch die Straße verfolgen zu können.

22:42

Wir hatten alle ein bisschen Schiss, weil er hat das irgendwie beim Amt durchgekriegt. Aber diese Kreidespur, die war genauso breit wie eine Fahrbahnmarkierung. Der ist auch über Fahrbahn drüber gefahren. Wir waren uns nicht so sicher, was da passiert, wenn da irgendwie auf einmal eine durchgezogene Linie mitten auf der Fahrbahn war. Na gut, das ist so eine kleine Anekdote. Aber alles in allem waren das unglaubliche spannende Positionen. Die wurden auch alle, nachdem die gemacht worden sind, dann an der Tankstelle ausgestellt in Form von einer Abschlussausstellung, die wir dann auch zusammen mit den Künstlern kuratiert oder wo wir die Szenografie auch mit den Künstlern dann entwickelt haben. Und ich glaube, das ist nochmal wichtig für die erste Amtszeit auch zu sagen, oder das hat sich jetzt sehr erfolgreich herausgebracht, war eben diese Parallelbespielung mit einem kulturellen Programm, die eben nochmal anders dort Menschen aus dem Viertel durch ein anderes Angebot an die Tankstelle geholt hat.

23:34

Weil man muss schon ganz klar sagen, die Schnittstelle zwischen den Künstlern und was die Künstler gemacht haben mit den Bewohnern aus diesen Stadtteilen, dass es dort auch eine Begegnung gibt, die wäre sonst wesentlich schwieriger gewesen, wenn es da kein Kulturprogramm gegeben hätte. Also so funktioniert eigentlich das Amt, dass man sagt, man hat eigentlich immer so zweigleisig. Einerseits die Künstler, andererseits immer ein bisschen Angebot, auch meistens ein kostenfreies Angebot, mit den anderen am Projekt Beteiligten eigentlich. Für das Amt an der Tanke, also für die erste Runde, das lief drei Monate lang das Projekt und hatte, glaube ich, sechs Monate Vorbereitungszeit und war insgesamt vom Budget her 80.000 Euro wieder reingeflossen sind. Das hat zwar für uns so gereicht, es hat gereicht, dass wir die Künstler okay bezahlen konnten, es hat auch gereicht, dass wir die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne gut bezahlen konnten, was die Gage angeht, aber da sind natürlich sehr viele freiwillige Stunden reingeflossen in die Vorbereitung und in die Planung.

24:35Warum Fördergelder an temporären Projekten vorbeigehen

Jurek WerthSocialform

Und das muss man, glaube ich, klar sagen, das Amt ist nicht nur eine Methode, sondern diese selbstinitierten Projekte, das ist auch ein Versuch zu zeigen, dass das sehr wertvoll ist und dass das gerne mal eigentlich bei solchen Stadtentwicklungsprojekten in die Ausschreibung mit reinrutschen darf. Weil das kann man auch sagen, dass die Leute, die das ISEK gemacht haben in Darmstadt, die waren sehr happy darüber, weil das sehr öffentlichkeitswirksam war und nehmen das sich sehr auf die Fahne. Aber da ist eigentlich kein einziger Cent aus diesen Fördermitteln geflossen, weil diese Fördermittel nicht in temporäre Projekte investiert werden dürfen, sondern eben nur in massive Bauten oder soziale Infrastruktur. Und diese Art von Projekten, die fällt da ziemlich durch, die bleibt dann im Rahmen der Kultur hängen eigentlich. Aber ein Gutes hatte es.

25:21Ein Pop-up-Laden vor dem Abriss in Kranichstein

Lydia KähnySocialform

Genau, ein Gutes hatte es und zwar wurde Socialform gleich für das nächste Amt für künstlerische Vermessung angefragt. Und zwar ging es dabei um ein Einkaufszentrum in dem Stadtteil Kranichstein. Das ist so eine Trabantenstadt im Norden Darmstadts und dort sollte eben ein bestehendes Einkaufszentrum abgerissen werden. Und die Quartiersmanager vor Ort wollten sehr gerne quasi diese Phase vor diesem Abriss eigentlich nutzen, um den Bewohnerinnen einfach einen bewussten Umgang mit dieser Veränderung eigentlich zu ermöglichen.

26:02

Hier habe ich zwei historische Fotos mitgebracht und zwar ist Kranichstein wirklich am Reißbrett entstanden. Es wurde von Ernst May 1968, also war Baubeginn, wurde von Ernst May geplant und hat dann leider so einen Investitionsstau erfahren, sodass Kranichstein recht lange von der Infrastruktur abgeschnitten war, also der öffentliche Personennahverkehr war schlecht und der einzige Nahversorger war so eine Baracke, in dem quasi die Lebensmittel verkauft wurden und davon sind gerade die älteren Kranichsteiner ziemlich gezeichnet, für die war quasi ihr EKZ, ihr Einkaufszentrum, eine richtige Errungenschaft und dass das jetzt abgerissen werden sollte, das hat sehr gemischte Gefühle an dem Ort hervorgebracht, auch weil der Ausblick der ist, dass viele aktuell Gewerbetreibende dort sich eben die neuen Mieten nicht mehr leisten können, also solche Themen sind da hochgekommen, das ist das Objekt, also so ein eingeschössiges Zusammenschluss von mehreren Kaufstätten, die man durch Passagen aus allen Himmelsrichtungen quasi erschließen kann und dort soll jetzt eben eine Blockrandbebauung weichen, fünfstöckig und ohne Innenhof, also es hat einfach auch so schon von dieser Art, wie man es begeht, wie man sich dort aufhält, wird da auf jeden Fall was anderes entstehen. Und um diesen Wandel quasi ein bisschen zu moderieren oder auch zu diskutieren, wurde Socialform eingeladen, einen leerstehenden Lotto-Toto-Laden zu bespielen, und zwar mit einem, wir haben das Pop-Up-EKZ genannt, also mit einem Pop-Up-Shop oder Laden für alle.

27:58

Und so sehen die Räumlichkeiten aus, also ihr seht hier quasi so ein Eckladen, in einem ausgeräumten Zustand, es sind nochmal ein paar Aufnahmen von den Passagen und der Situation, wenn man in den Innenhof reingeht drauf, und ich springe jetzt noch einmal zurück. Hier sieht man, wer die Projektpartner waren, also dieses Mal war vor allen Dingen quasi die Stadtteilwerkstatt Kranichstein mit den Quartiersmanagerinnen, das waren auf jeden Fall die Mitinitiatoren und hatten auch eine sehr starke Rolle in dieser Kollaboration, weil wir haben tatsächlich nur diesen Raum ausgebaut und dann quasi die künstlerische Vermessung beigetragen, aber dieses Veranstaltungsprogramm, was jetzt an dem Amt für künstlerische Vermessung an der Tanke stattgefunden hat, das haben wir hier nicht wieder gemacht, sondern das war quasi in Händen der Diakonie.

28:56

Für diesen Raum ist dann folgendes Konzept entstanden, die Decke wurde rausgenommen, es gab einen großen Einbauschrank, in dem alle lokalen Akteure, Initiativen Platz hatten, ihre Materialien unterzubringen, es wurde eine Bühne eingebaut, die sich nach innen und nach außen formuliert hat und es gab quasi eine modulare Bestuhlung, beziehungsweise man konnte aus verschiedenen hohen Böcken lange Tafeln oder auch kleinere Tische bauen und es war einfach eine sehr flexible Möblierung, die dort ganz viele Formate erlaubt hat.

29:35

Die Umsetzung des Ladens hat auch mit den Bewohnerinnen stattgefunden und das war auch eine ganz gute Herangehensweise, sich mit dem Laden zu identifizieren und es auch einfach zum eigenen zu machen. Hier sieht man, wie die Bühne gestrichen wurde beispielsweise oder die Möbel zusammengeschraubt wurden.

29:59

Und das war Ende April, hat dieser Raum eröffnet oder wurde dieser Raum eröffnet und ganz viele Gestaltungsentscheidungen wurden auch mit den Akteuren gemeinsam getroffen. Die Farbzusammensetzung, aber zum Beispiel auch der Name dieses Ortes. Dieser Laden, der heißt Chilawi und das war irgendwie interessant, weil bei der Abstimmung des Namens waren überdurchschnittlich Teenager dabei und wir haben natürlich dann diesen Namen genommen und haben ihn überall drauf gedruckt und waren so, naja.

Jurek WerthSocialform

30:35

Naja, beim Projekt waren dann später überdurchschnittlich viele Alte dabei und Teenager waren nicht mehr gesehen. Das war schon so ein bisschen tricky.

30:45Eine Künstlerin zeichnet das Quartier

Lydia KähnySocialform

Genau, und jetzt möchte ich euch gerne die Künstlerin Linda Furker vorstellen. Linda hat auch über eine Ausschreibung zu uns gefunden. Also wir haben diese Ausschreibung für diesen Ort quasi erstellt und haben auch eine Jury zusammengesetzt aus Leuten aus dem Viertel, aus Fachjuroren. Wir beide waren auch dabei und Linda Furker ist Künstlerin. Sie hat also soziale Kunst in Ottersberg studiert, lebt gerade in Berlin und arbeitet auch als Künstlerin. Also sie macht das hauptberuflich, […entfernt…] Das finde ich eigentlich auch interessant, weil ich oft das Gefühl habe, dass sich überdurchschnittlich viele junge Künstler auf solche Projekte bewerben. Aber wir hatten jetzt eben Linda dabei und Linda hatte die Methode, dass sie eben zum einen quasi durchs Quartier gelaufen ist.

31:42

Sie hat ganz viele Spaziergänge gemacht und hat quasi alles, was sie gesehen hat, gezeichnet auf Postkarten, große Formate. Und sie hat aber auch Workshops mit den Bewohnerinnen vor Ort gemacht. Die Personen haben quasi ihre eigenen Bezüge zum Viertel gezeichnet und sie hat aber auch Interviews geführt. Und all diese Einflüsse sind dann quasi in ein Wandbild überführt worden. Also das sieht man auf dem zweiten Bild, so eine schwarz-weiße Grafik. Dort hat sie dann quasi eine Verdichtung, all diese Skizzen vorgenommen. Wir haben ihre Arbeiten aber nicht nur auf diesem Triptychon schon, also es sind drei Plexiglasscheiben gehabt, sondern wir haben ihre Materialien auch genommen und haben sie im gesamten EKZ gezeigt.

32:30

Wir haben die Zitate der Bewohnerin in die Lichtschächte reintapeziert und auch an vielen Stellen, haben wir einfach sozusagen diese Werbetafeln, die es dort sowieso schon gab, aufgenommen und haben ihre Skizzen einfach dort nochmal aufgehängt und ausgestellt. Genau, und diese Ausstellung, die läuft gerade in der Verlängerung, das ist ganz schön, also die sollte noch ein bisschen dort hängen bleiben und wir sind auch gerade in Verhandlungen, ihr Hauptwerk will der, wie sagt man, Projektträger, der Projektträger möchte das gerne übernehmen.

Jurek WerthSocialform

33:09

Die Investoren, also die Investoren, die das Einkaufszentrum abreißen, die waren total happy, als wir da die Abschlussausstellung hatten und wollten direkt ankaufen und wollten eigentlich auch direkt nochmal fragen, ob sie irgendwas mit Kunst am Bau macht, weil das war bei dem Projekt immer so eine Gratwanderung, die Investoren kommen eigentlich rein, machen eine große Veränderung in der Stadt, auch eine schwierige Veränderung und wir mussten immer so ein bisschen gucken, dass wir nicht übernommen werden als schönes Projekt, was den Abriss geschönt. Das ging der Arbeit tatsächlich ganz gut, die haben uns ziemlich in Ruhe gelassen und auch der Ankauf war meiner Meinung nach ehrlich motiviert, also nicht unbedingt so ganz so negativ. Wobei man muss auch sagen, das sind auch lokale Investoren, also das ist die Sparkasse, die vor Ort ihre Geschichte hat und Kolb und Partner, das ist eine Darmstädter Familie, das ist natürlich ein anderer Bezug zu der Lokalität, als wenn das irgendwie ein Global Player wäre oder so. Aber trotzdem freut es uns natürlich riesig, dass Linda da auf so viele.

Lydia KähnySocialform

34:11

Genau, also ich würde noch zwei Sätze vielleicht zu dem Rahmen sagen. Also wir hatten eben nicht nur die Künstlerin drin, sondern wir hatten quasi lokale Initiativen vor Ort, die ihr eigenes Programm auch mitgebracht haben. Also immer montags waren Ladies da, die gestrickt haben. Wir hatten Stammtische, wir hatten Theaterleute dabei. Also es gab Workshops für Biografiearbeit und Clown Workshops und sozusagen die Leute vor Ort haben diesen Laden permanent eigentlich auch benutzt. Und das hat es vielleicht für die Künstlerin ein bisschen schwieriger gestaltet, sich dort zu arbeiten. Aber sozusagen dieser Laden wurde auch sehr gut angenommen und es haben sich Leute gefunden, die den jetzt auch nach unserem Projekt quasi weiter verwalten bis zum Abriss.

35:03

Also der Abriss wird Anfang nächsten Jahres irgendwann sein. Der wurde jetzt schon verschoben und die Flächen nicht vermietet und vorher reißen sie nicht ab.

Jurek WerthSocialform

35:14

Also vielleicht bleibt es auch noch ein paar Jahre. Aber das Schöne ist, die Infrastruktur bleibt. Also die Möblierung bleibt, die Bühne und so weiter und so fort. Und das und der Raum zusammen reicht eigentlich schon, dass Leute vor Ort einfach aktiv werden können, wenn sie den kostenlos nutzen können. Das ist ganz angenehm. Plus halt die Stadtteilwerkstatt, die vor Ort ja installiert ist sozusagen, um vor Ort auch zu wirken, die betreut den Laden halt auch.

35:57Wie ein Abriss erst ins Bewusstsein rückt

Stimme aus dem Publikum

Ihr habt das Gefühl, ihr macht den Raum eigentlich noch viel schöner und noch mehr nutzbarer für die Leute, sodass eigentlich der Abschied total schwerfällt, weil sie jetzt auch noch selbst bespielen können.

Lydia KähnySocialform

36:09

Ich glaube, dass es überhaupt ein Abschied werden konnte, hat damit zu tun, dass wir dort waren. Und ich glaube, auch über diese Aktion ist erst vielen Leuten eigentlich klar geworden, dass es abgerissen wird. Also das war so gar nicht so präsent. Und mit dieser, hey, welchen Bezug habt ihr denn zu eurem Einkaufszentrum, sozusagen ist erst ein Bewusstsein eigentlich für den Ort entstanden. Also so würde ich sehen. Also ich glaube auch, dass es schwerer wird, ihn abzureißen sozusagen. Aber auf der anderen Seite ist quasi so dieses, wo wohne ich eigentlich, was macht es mit mir? Also warum halte ich mich hier gerne auf oder warum auch nicht? Also wir haben da sehr verschiedene Stimmen dazu auch gehört. Und ich glaube, es war eher ein Ort, wo Leute ins Reden gekommen sind über ihr Viertel und haben eigentlich das reflektiert, was sie da haben.

37:08

Und es war durchaus umstritten. Also es gibt verschiedene Haltungen zu dem neuen Projekt.

Jurek WerthSocialform

37:16

Ja, ich glaube, wir haben darüber gesprochen bei der Auslobung von der künstlerischen Vermessung. Was wir denn vermessen haben wollen. Und da haben wir gesagt, wir hätten gerne, dass der Bezug der Kranichsteiner zu diesem Einkaufszentrum vermessen wird. Und haben eigentlich immer gesagt, es ist sowohl ein zurückschauendes Ding, als auch ein nach vorne schauendes Ding. Das heißt, man muss ganz klar sagen, die Möglichkeit, diesen Laden zu bespielen, das geht erst, seitdem es abgerissen wird. Der steht zwar schon seit zehn Jahren leer, aber jetzt war erst die Möglichkeit da, den zu bekommen. Und das ist vielleicht auch ein bisschen das Subversive, weil die Leute natürlich da erst gemerkt haben, wie gut dieser Ort funktioniert. Das ist ja ein Atrium im Innenhof, das ist ein wirklich wichtiger sozialer Ort von dem Viertel. Und der neue Bebauungsplan oder das neue Bauwerk schlägt halt vor, unten die Flächen zuzumachen.

38:05

Da kommt Edeka und Rossmann rein, also klassische Sockelzonen-Nutzung, wo eben keine Belichtung sein muss. Und diese soziale Fläche geht fort. Und deine Frage war ja, ob wir den Abschied damit schwerer gemacht haben. Da würde ich sagen, ja, aber wir haben eher darauf hingewiesen. Oder es wurde erstmal im Viertel bewusst, was das überhaupt bedeutet. Also ich glaube schon, dass das Projekt sehr wichtig war. Und so war auch die Frage von den Sozialarbeiterinnen, dass man sich damit auseinandersetzt und auch die Für und Wider hat. Und was halt sehr schön ist, ist, dass eigentlich jetzt Forderungen an das neue Raumprogramm entstehen. Nämlich nach so einem Ort, nach einem konsumfreien Ort, der das ermöglicht.

38:42

Und genau das ist auch die Chance von solchen Projekten. Ich weiß gar nicht, wenn du eins weitermachst. Ja, genau. Das ist die perfekte Überleitung. Weil wir nämlich sagen, das AFKV kommt immer noch zu spät. Eigentlich hätten wir das AFKV liebend gerne, bevor dieser Umbau geplant wird da drin. Damit man nämlich über diesen Zugang die Raumprogramme, die Programme von den Neubauten vielleicht auch beeinflussen kann. Weil es ist ja, genau wie du gesagt hast, es ist ein Aufmerksam machen, es ist ein schmerzhafter Prozess, aber daraus, wenn es noch früh genug ist, können ja auch Forderungen entstehen, die wieder in die Prozesse zurückfließen können. Und ich hatte es ja am Anfang erwähnt, wo gesagt haben, eigentlich soll das AFKV als Methode diesen gängigen städtebaulichen Analysen zur Seite gestellt werden, damit aus diesen sehr lokalen, sehr ortsspezifischen, sehr kontextspezifischen Projekten Wissen entsteht, was im besten Fall zurückfließt in die Entwicklung des Viertels.

39:39

Nur, das muss man schon sagen, wie gesagt, bei denen, wie du gesagt hast, eigentlich ist der Abriss schon geplant, es ist ganz klar, was reinkommt und man macht eigentlich so versteckt hinten dran nochmal ein Projekt, was gezeigt hat, was hätte sein können. Ob das jetzt, ich weiß nicht, ob es grausam ist oder nicht, ich habe das Gefühl, die Leute haben es trotzdem sehr positiv mitgenommen, oder?

Lydia KähnySocialform

39:58

Ja, ich weiß es nicht. Ja, also ich glaube auch, das ist, also ich, ja, gute Frage, ich muss da noch drüber nachdenken. Ja, wer weiß, also wie du gesagt hast, am Ende kommt das EKZ erst in vielen Jahren, oder es gab jetzt schon solche Sachen, also die Künstlerin hat nicht nur dieses Triptychon zum Beispiel in ihr Werk aufgenommen, sondern es gab noch ein paar kleinere Werke, die eine Bank gezeigt haben, die direkt gegenüber von dem Laden ist. Und das hat die Kolbst zum Beispiel da auch dazu bewogen, über eine Bank nachzudenken vor ihrem Einkaufszentrum. Also solche Sachen sind passiert, es hört sich jetzt komisch an, aber die Bank ist echt, also das ist die einzige Sitzgelegenheit im Einkaufszentrum. Und dann gibt es noch Cafés natürlich und so weiter, aber da kann man ja nur sitzen, wenn man auch konsumiert.

40:48

Und also solche Impulse sind da schon irgendwie entstanden.

40:55Was von beiden Projekten bleibt

Jurek WerthSocialform

Ja, ich glaube, abschließend kann man eigentlich sagen, dass das AFKV so ein bisschen zweigleisig fährt. Einerseits eben mit der künstlerischen Vermessung, dieser Auseinandersetzung mit dem Ort, die ganz klar eigentlich für die Leute, die dort mitmachen und die das auch rezipieren, die vielleicht sogar Teil der Vermessung sind von den Künstlern, echt augenöffnend ist. Also es ist einfach ein bewussteres Hingucken. Es läuft ja nicht jeder durch seinen Stadtteil mit einem städteplanerischen oder mit einem architektonischen Blick. Und das ist unglaublich spannend, was dort für Auseinandersetzungen stattfinden zwischen den Künstlern und den lokalen Bewohnern.

41:30

Andererseits gibt es eben dieses Placemaking, wenn man es so nennen will, oder diese bürgerschaftlichen Initiativen, die einen Raum und einen Ort bekommen, um selber zu wirken. Und das ist, glaube ich, in beiden Projekten, das kann man schon sagen, das hat schon Wurzeln geschlagen bei beiden Projekten. Also auch bei der Tanke, die Tanke wird ja nicht abgerissen, die gibt es ja noch. Und die wird jetzt eigentlich weiter bespielt von den neutralen Akteuren. Und das ist schon auch dort spannend zu sehen, dass natürlich diese Strukturen, die Infrastrukturen, die dort baulich entstehen, aber auch über die Zusammenarbeit auch einfach digital entstehen. Und auch was den Wissenstransfer angeht, das sind eigentlich alles, die haben halt ihre eigenen Aktionen. Die drucken, sind keine Veranstalter, aber arbeiten mal drei Monate mit professionellen Veranstaltern zusammen.

42:16

Da kommt schon ein bisschen was rüber. Und das bringt die Leute natürlich auch in die Lage, den Ort weiter zu betreiben. Also bei der Tanke zum Beispiel ist jetzt die Frage, ob eben wieder ein Verein gegründet wird, auf was für Strukturen man setzt, damit sie es gut weiter betreiben. Da ist lustigerweise eher noch ein bisschen die Ehrfurcht vor Fördergeldern da. Also die würden es lieber gerade eher ohne Gelder machen, damit es so ein bisschen ohne zu viel Druck von außen passiert. Und wie gesagt, am Chilawi in Kranichstein wird es eben auch weiter betrieben. Mal sehen, wie lange das eben läuft. Aber das ist eben dieser zweite Punkt eigentlich, dass diese sehr intensive Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren eigentlich lokale Netzwerke stärken soll, die auch weiter funktionieren sollen danach.

42:59

Und da sind wir eigentlich wieder in den Förderstrukturen. Also die ganzen Sachen, die da stehen, die Infrastruktur, die wir bauen, das sind ja alles Blünenbilder, weil das sind nämlich keine investiven Maßnahmen. Dann werden die nämlich meistens nicht gefördert bei den Projekten, wie wir das gemacht hatten. Und dann, das ist aber, glaube ich, nochmal ein ganz anderes Thema. Man muss sich eben mit dieser Förderwelt auch so ein bisschen auseinandersetzen, um das gut über die Bühne zu bringen. Deswegen macht es, glaube ich, schon unserer Meinung nach Sinn, dass wir das eben machen, die wir uns damit auskennen, damit eben auch das nicht wieder von vornherein entwickelt werden muss. Naja, so viel dazu. Das waren die zwei künstlerischen Vermessungen. Und jetzt ist es tatsächlich so, dass beide abgeschlossen sind und es erstmal noch keine neuen Anfragen gibt.

43:42

Weil du ja vorhin gesagt hast, es entsteht was. Also das Amt geht wieder in seinen Korb zurück, wo es eigentlich nur Internet und Digitales ist und wartet sozusagen eigentlich auf neue Anfragen.

43:53Fragen aus dem Publikum

Lydia KähnySocialform

Genau. Hast du noch was zu erwähnen? Ja, genau. Ich würde sagen, wir öffnen kurz. Also genau, bis zum nächsten Vortrag. Aber ja, fragt gerne oder kommentiert gerne. Wir sind auch neugierig, was ihr denkt.

44:14

Ja, also es wird aber noch gestützt. Jetzt zum Beispiel in Kranichstein wird es noch von den Quartiersmanagerinnen gestützt. Also die betreiben zum Beispiel einen Kalender und eine E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer. Und man kann quasi seine Aktionen bei denen anmelden. Und die verwalten den Raum schon ein bisschen mit. Und es haben sich aber zusätzlich eben fünf Leute gefunden, die den Raum einfach auch pflegen und darauf aufpassen, dass da sozusagen jemand immer den Schlüssel hat und all diese Dinge sozusagen. Also es ist da ein Mischkonzept eigentlich. Und an der Tanke, wie ist es da? Da ist sozusagen die Stadt, die Quartiersmanager sind raus. Und das sind nur noch Druckwerkstatt und die Leute, die hier haben. Und noch jemand, ja. Nee, bei der Tanke ist es tatsächlich anders.

Jurek WerthSocialform

45:12

Da gab es ja vorher schon einen Mieter von dem Ort, der gesagt hat, er möchte den Ort auch entwickeln.

45:18

Der betreibt den jetzt auch weiter, aber hat natürlich über das Projekt sehr viele Kontakte und die Leute wissen, dass man dort hingehen kann. Und die haben eben diese Bühne. Es gibt dort in der lokalen Nachbarschaft auch selber noch Theaterschaffende, die eben auf diese Infrastruktur zurückgreifen. Jetzt ist, glaube ich, gerade ein Theaterstück in der Mache an der Tanke und so weiter und so fort. Also da ist tatsächlich ein Hauptbetreiber.

45:41

Da muss man aber sagen, wir hatten da diese drei Monate schon vor das Programm. Also das war schon jedes Wochenende eine Veranstaltung und in der Woche auch nochmal eine Veranstaltung. Also da ist schon viel passiert, das war auch finanziert. Und die merken natürlich jetzt auch, was es heißt, wenn die Ressource nicht mehr da ist in bezahlter hauptamtlicher Tätigkeit. Und das ist auch immer wieder, wenn wir die Projekte aufsetzen, eine große Diskussion, dass wir darüber sprechen, was schreiben wir in den Förderantrag rein, welche Position, also welche Tätigkeit muss entlöhnt werden. Das hat uns beim Chilawi so ein bisschen, ist das uns auf die Füße gefallen, weil da haben wir ja die Sozialarbeiterinnen viel stärker mit im Boot gehabt. Und da haben wir gesagt, hey, wer kümmert sich denn um das Programm, wer spricht die Leute an, wer holt die Leute rein, wer bewirbt und wer organisiert.

46:28

Und dann haben sie gesagt, nee, das haben wir alles in unseren Stunden drin, das machen wir schon, brauchen wir nicht in den Förderantrag reinzuschreiben. [Passage zum Schutz der Persönlichkeitsrechte entfernt] Und diese Stelle, die hat einfach gefehlt. Die gab es dann auch einfach hart an der Kohle nicht, die konnte man nicht mehr besetzen. Und das ist auch dadurch, muss man beim Chilaui sagen, ist das Projekt nicht ganz so divers, weil dadurch wurden die Leute angesprochen, die eh schon aktiv sind im Viertel. Und da, wo es ein bisschen mehr Arbeit gebraucht hätte, auch andere Gruppen und Communities anzusprechen, das ist dann fallen geblieben oder hinten liegen geblieben.

47:03

Das ist trotzdem ein gutes Projekt, ich möchte das jetzt nicht kleinreden, aber ich finde das recht spannend, dass die Weichen setzt man eigentlich recht früh in dem Projekt und auch tatsächlich sehr stark mit Geld meiner Meinung nach.

47:14

Weil, ich glaube, ich hatte es beim Chilaui bei vielen Leuten so, oh ja, irgendwann ist das einfach im Ehrenamt nicht mehr zu machen, das klingelt mir immer noch. Gut, das Chilaui waren jetzt 51.000 Euro, was die Gesamtfinanzierung angeht. Auch hier, wie lange? Fünf Wochen eigentlich vor Ort. Nee, fünf Wochen die Künstlerin, aber das Gesamtprojekt auch wieder drei Monate. Von Mai bis, ja genau, drei Monate. Und das passt auch ungefähr so. Also bei der Tanke waren es 40.000 fürs Programm und halt nochmal 40.000 für die Bespielung und die künstlerische Vermessung. Jetzt gab es hier kein Programm, das kam nur von den lokalen Akteuren, also war auch ziemlich low budget dann.

47:52

Hatten zum Glück noch eine Schule nebendran, die irgendwie Kulturschule ist und deswegen die ganze Technik dahin stellen konnte und so. Aber man merkt es auch an den Projekten. Und ich glaube, das ist auch so ein bisschen unser Anliegen, also zumindest von Seiten von Socialform. Ich glaube, solche Projekte machen Sinn in Stadtentwicklungsprojekten, aber die müssen in andere Budgettöpfe rein, dass man die gut machen kann. Also 80.000 ist da noch zu wenig. Also für die Tanke würde ich mal so, vielleicht wäre das schön, wenn eine Firma zu 250 ausgeschrieben wäre oder sowas, dann könnte man da was reißen und glaube ich auch so machen, dass das wirklich Resilienz hat.

48:24

Und diese Diskussion, die ist allerdings sehr mühsam, also wir sind gerade bei der Tanke sehr nah mit den Architekten oder Stadtplanern zusammen gewesen, die das ISEK betreut haben und jetzt auch die Gelder verwalten, die dort ausgeschüttet werden sollen. Das ist ein Bund-Länder-Programm, das heißt, da gibt es jetzt Gelder, wie gesagt, in 15 Millionen Höhe […entfernt…] Und dann habe ich gesagt, ja gut, aber guck doch mal, lass uns doch zusammen ein soziokulturelles Zentrum entwickeln, wie auch immer. Es gibt noch Brachflächen, das funktioniert nicht. […entfernt…] aber einfach von den Förderrichtlinien, da müsste man einfach mal richtig rangehen an den Rechnungshof und an den Ministerien und da einfach gucken, wie die Gelder fließen können, also die Förderrichtlinien ein bisschen an. Momentan ist es einfach so, temporäre Maßnahmen können nur finanziert werden, wenn fünf Jahre nach der temporären Maßnahme eine permanente Maßnahme kommt, die mindestens 15 Jahre, glaube ich, zweckgebunden ist.

49:29

Und das macht natürlich bei solchen Projekten das sehr schwierig. Im PaMo kommt noch hinzu, dass das Leitmotiv das Kultur- und Kreativquartier ist, sie aber diese Form von Kultur und Kreativität gar nicht fördern können mit dem Programm, weil sie könnten halt ein großes Kulturzentrum fördern, was gebaut wird, wo große Summen drin sind, aber da brauchst du halt erstmal Geldgeber und Investoren, das ist ja auch immer, und das ist halt schon vielleicht so ein bisschen der untergeordnete, was heißt Kampf, aber so ein bisschen eigentlich so die Idee von diesen Projekten auch immer wieder zu zeigen, hey, die Projekte sind sehr wertvoll, die machen A, sehr gute Öffentlichkeitsarbeit, es kommt was an bei den Bürgern und Bürgerinnen, man merkt, dass was passiert im Stadtteil, und andersrum ist es total spannend zu sehen, wie sich jetzt diese Netzwerke weiterentwickeln und ob die auch halten oder nicht, das ist ja für uns auch noch ein Experiment, ob die irgendwann im Sande verlaufen oder nicht, aber wir glauben dran, oder?

50:20

Ja, wir glauben dran, oder? Ja, schön. PaMo ist Pallaswiesen-Mornewegviertel, das ist gefährlich, wir droppen hier die ganze Zeit zu Kürze, und dann, genau, ja, vielen Dank, oder, ja?

Stimme aus dem Publikum

50:36

Ich habe noch eine Frage, und zwar, ihr habt ja vorhin davon gesprochen, dass bei der Namensfindung von dem großartigen Namen Chilawi hauptsächlich Jugendliche beteiligt waren, und dann später aber sich eher gewandelt und das Ältere zur Begründung vorbeikam. Lag das eure Meinung nach einer programmatischen Ausrichtung oder darin, dass die Jugend in diesem Stadtteil oder in dieser Stadt vielleicht dann auch schon weitergezogen ist oder sich woanders bewegt?

Lydia KähnySocialform

51:10

Also ich glaube, es gibt so verschiedene Gründe. Also direkt neben dem Einkaufszentrum ist ein Jugendclub und der heißt Chilmo. Das ist hessisch, also Mo heißt Mal, Chilmo. Und das war dieselbe Gang, die hat in unserem Laden auch den Namen gegeben. Und dann war es einfach so, ich glaube, es war recht leicht am Anfang, einfach so, die waren sehr neugierig und fanden so diesen Bauprozess und da passiert was total spannend. Und ja, ich weiß nicht genau, warum wir sie nicht rangekriegt haben. Also auch während der Workshops mit Linda, da waren jüngere Kinder noch dabei, aber so die 14-Jährigen, die sind nicht gekommen.

Jurek WerthSocialform

52:04

Ja, ich glaube, meiner Meinung nach ist es schon da genau das Thema gewesen, dass eine Person oder jemand gefehlt hat, der ein Angebot geschaffen hat, der die Leute, die Jugendlichen auch lockt. Also wir hatten am Anfang eine engagierte Sozialarbeiterin dabei, die die Jugendlichen auch rangebracht hat und die war irgendwann einfach weg, weil die, ich weiß gar nicht warum, Ferien, Schule, irgendwas, und dann hat man auch gemerkt, dass die Jugendlichen weg waren und das auch nicht aufgefangen werden konnte. Und das muss man halt auch sagen, also nur die Projekte mit schöner Gestaltung und reichen nicht. Also man muss schon gucken, dass man Angebote schafft und dass man die Leute irgendwie anspricht. Und da hat dann tatsächlich die Ressourcen gefehlt. Also das hatte ich mir so ein bisschen erhofft von dieser Stelle, wo die Sozialarbeiterinnen gesagt haben oder die Stadtteilarbeiterinnen gesagt haben, nee, das machen sie über ihr Werk. Und die hatten dann eher so die Haltung, ja gut, wer kommt, kommt, und wer nicht kommt, kommt nicht, und wir können hier keinen zwingen.

52:56

Aber in so Projekten ist das schon immer wieder ein Thema, wie man Verbindlichkeiten herstellt. Und wie gesagt, in dem Projekt hatten wir dann die Leute, die eh verbindlich waren, die auch verstanden haben, dass dieser Raum von ihnen genutzt werden kann und für sie da ist. Das war eher so ein älteres Publikum und auch sehr homogen, würde ich sagen. Also die Betreiber waren alle sehr mittleren Alters und weiß. Bei den Veranstaltungen war das dann ganz anders, weil dann das Laufpublikum auch rankam. Aber bei dem Projekt haben wir es auch nicht geschafft. Da gab es diese Durchmischung, die man sich eigentlich in diesem echten Begegnungsraum nicht so ganz, das muss man sagen. Also da gab es eher so Projekte und dann wurde es so von außen beäugt. Und dann hat man immer gesehen, welche Projekte anschlussfähig waren.

53:37

Da gab es dann so eine Durchmischung durch das Laufpublikum. Aber besser wäre natürlich gewesen, wenn auch die Leute, die draußen gestanden hätten, selber mal Projekte gemacht hätten. Aber da gibt es halt dann schon noch eine Schwelle, die abgebaut werden muss und die muss aktiv abgebaut werden. Die kann nicht, die passiert nicht von alleine. Und ja.

53:58

Also das eine war so eine Sprachschule. Das waren junge Leute, die tatsächlich Englisch, Spanisch und Italienisch angeboten haben, die aber auch so ein Spiel draus gemacht haben, dass die Leute mit ihrer eigenen Sprache kommen sollen und das anteasern sollen. Tatsächlich haben auch Konzerte und Tanzveranstaltungen gut funktioniert. Die gab es nur sehr wenig, weil die Hauptakteure das eben selber nicht gemacht haben. Das war nicht ihr, das war eher der Stammtisch. Und gemeinsames Essen zieht eigentlich immer, wenn es gut ist. Und das war zum Beispiel in der Tanke ganz anders, weil da war das Kernteam, was zusammen den Ort betrieben hat, die kamen aus einer ganz, ganz anderen Ecke. Die waren selber ein junger Verein oder ein Verein, der sich was anderes auf die Fahne geschrieben hat, die von vornherein auch schon so ein Angebot mitgebracht haben.

54:45

Die aber dann auch dadurch, dass sie mit der Sozialarbeiterin aus dem Viertel, die für die Kinder zuständig war, die hat einfach die Kinder an den Kitas eingesackt und an die Tanke gebracht. Das sind meistens eher die Eltern über die Kinder mitgekommen in dem Viertel und in Kranichstein war es ein bisschen anders.

55:02

Man kriegt relativ viel über das soziale Gefüge der Stadt dann schon auch mit. Das ist schon hochspannend. In Kranichstein muss man sagen, da ist das ISEK abgeschlossen, das Lieb da vorher. Darunter habe ich insgesamt 35 Millionen Euro reingeflossen und das merkt man. Bei allem Bashing, was ich jetzt vielleicht betrieben habe, aber man merkt, dass die soziale Infrastruktur wesentlich satter war in Kranichstein, dass es da auch Angebote gab, also deine Frage ist, es gab auch Angebote, das heißt, man hatte auch eine stärkere Konkurrenz mit diesem Laden.

55:30

Das heißt, merkt man schon, dass diese Stadtentwicklungsprojekte schon auch ziehen und schon auch was bringen.

55:49

Das Projekt an der Tanke, da waren wir selber Projektträger als Verein, das heißt, da haben wir die Fördergelder selber komplett eingetrieben und bei dem Projekt im Einkaufszentrum, da kam ja die Diakonie, also die Gemeinwesenarbeit auf uns zu und hat gemeint, hey, wollt ihr das nochmal so machen? Dann haben wir gesagt, naja, gut, wir haben uns jetzt ein bisschen verändert, wir haben den Verein eigentlich nicht mehr, machen wir gerne, wir schreiben mit euch die Förderanträge, das können wir nämlich, aber ihr müsst uns quasi dafür beauftragen und wir sind nachher bei euch dann auf Rechnung eingestellt. Also wir waren von vornherein mit einer Kooperationsvereinbarung im Team, haben zusammen die Förderanträge gestellt, waren aber nicht mehr Projektträger. Und daher kommt auch so ein bisschen, dass wir nicht mehr für alle Teile Verantwortung übernommen haben. Also dann haben wir für die künstlerische Vermessung und für den Raum Verantwortung übernommen, aber nicht für die Bespielung mit den lokalen Akteuren.

56:45

Also das war für uns auch ein spannendes Moment, weil im ersten Projekt haben wir halt für alles die Verantwortung gehabt und auf allem so ein bisschen drauf gesessen und geguckt. Und das machen wir dann eigentlich so, dass wir zusammen mit den Akteuren ein Konzept schreiben, wortsbezogen, wo halt drin steht, was für eine räumliche Infrastruktur aufgebaut werden soll, was das kostet, was für eine inhaltliche Infrastruktur aufgebaut werden soll, also was es für eine Administration, für eine Verwaltung gibt, auch was das kostet, weil das kostet auch richtig viel Geld und was es für ein Programm, für eine Bespielung geben soll und meistens eben eigentlich noch Öffentlichkeitsarbeit ist, so wie es halt meistens ist. Und dann gehen wir in Darmstadt meistens ans Kulturamt, da bei beiden Projekten war jetzt als großer, größter Förderer auch der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main mit dem Boot und dann gibt es halt so noch die kleinen Förderer, die dann dazu kommen.

57:42

Aber es ist halt in der Kulturecke und dadurch eigentlich chronisch unterbezahlt. Das muss ich nochmal so sagen. Aber es reicht, um so Projekte zu machen.

57:52

Habe ich deine Frage damit beantwortet?

57:59

Vielen Dank.

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